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Trauma-Therapie von Flüchtlingen gefährdet
Bundesvorsitzende der psychosozialen Zentren: "Das wird eine existentielle Angelegenheit"

Mainz (ots) - Die Trauma-Therapie von Flüchtlingen in Deutschland ist gefährdet. Bereits jetzt können ursprünglich bewilligte Therapien teilweise nicht mehr begonnen werden. Das berichten mehrere betroffene Einrichtungen dem ARD-Politikmagazin "Report Mainz". Die Therapie von traumatisierten Flüchtlingen findet bislang vor allem in 25 so genannten psychosozialen Zentren statt, die sich auf die Behandlung von Flüchtlingen spezialisiert haben.

Bislang haben sich diese Zentren neben Spendengeldern und teilweise Landesmitteln vor allem aus EU-Fördergeldern und einer Kostenübernahme der Therapie durch die Landkreise finanziert. Doch seit einer Novelle des Asylbewerberleistungsgesetzes zum 1.3.2015 sind für Gesundheitsleistungen aller Asylbewerber, die sich länger als 15 Monate in Deutschland aufhalten, nun nicht mehr die Landkreise, sondern die Krankenkassen zuständig. Die psychosozialen Zentren haben allerdings gar keine Zulassung bei den Krankenkassen - sie bekommen die Therapie also nicht mehr erstattet.

Susanne Schupp, Therapeutin des psychosozialen Zentrums Refugio Villingen-Schwenningen, im Interview mit "Report Mainz": "Das kann man eigentlich menschlich nicht verantworten. Eben wenn wir von schwer traumatisierten Menschen sprechen, die ja auch suizidal sind. Sie haben hier eine Sicherheit. Und auf einmal wird ihnen diese Sicherheit wieder genommen." Bei Refugio Villingen-Schwenningen konnten bereits von den Landkreisen bewilligte Therapien nicht mehr begonnen werden. Zudem stehen die Zentren vor einem weiteren Problem: Auch die EU-Mittel sind seit Monaten nicht mehr geflossen. Momentan wird auf Bundesebene entschieden, welche Einrichtungen künftig die EU-Förderung bekommen sollen. Ob darunter die bisher geförderten psychosozialen Zentren sein werden, ist völlig unklar. Fest steht aber bereits, dass insgesamt weniger Geld als bislang verteilt werden kann.

Die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren, Elise Bittenbinder, sagte im Interview mit "Report Mainz": "Ein Zentrum kenne ich, das ganz aufhören musste, weil eben es ganz unklar ist, ob es weiter finanziert wird. Andere werden ihre Leistungen runterfahren müssen, bei anderen werden einfach viel weniger Leute ankommen können und könnten nicht mehr versorgt werden. Das wird tatsächlich eine ziemlich existentielle Angelegenheit werden."

Die Bundesregierung verweist auf Anfrage von "Report Mainz" darauf, dass die Gesundheitsversorgung in die Zuständigkeit von Ländern und Kommunen falle. Allerdings müsste die Bundesregierung selbst erwirken, dass die psychosozialen Zentren von den Krankenkassen anerkannt werden und damit wieder abrechnen können. Das sagt die gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Maria Klein-Schmeink: "Da ist der Bund in der Pflicht, wenn es um die systematische Anerkennung dieser Zentren geht. Dann ist es schon so, dass es eine Regelung im Sozialgesetzbuch geben sollte, die dann einfach für alle Bundesländer klarstellend die gleichen Rahmenbedingungen schaffen sollte."

Zudem fordert Klein-Schmeink eine bundesweite Übergangsfinanzierung, um die fehlenden EU-Mittel auszugleichen. Auch die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren, Elise Bittenbinder, fordert im Interview mit "Report Mainz" eine stärkere Strukturfinanzierung der psychosozialen Zentren.

Weitere Informationen unter www.reportmainz.de. Zitate gegen Quellenangabe "Report Mainz" frei. Pressekontakt: "Report Mainz", Tel. 06131/929-33351.

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