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"Nazi-Literatur" in Online-Buch-Shops von FAZ, Süddeutsche und Spiegel
"Report Mainz", heute, 8.11.2010, 21.45 Uhr im Ersten

Mainz (ots) - In den Online-Buch-Shops von FAZ, Süddeutsche und Spiegel wird offen "Nazi-Literatur" angeboten. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins "Report Mainz" können in den Portalen mindestens 150 Bücher von bekannten Nazi-Größen, rechtsextremen Autoren bzw. Verlagen gekauft werden - darunter auch Titel, bei denen der Anfangsverdacht der Volksverhetzung besteht. Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, spricht gegenüber "Report Mainz" von einem "Skandal": "Es ist mir unverständlich, dass der gute Name dafür hergegeben wird, eine solche Literatur zu verbreiten, die eigentlich darauf aus ist, das demokratische System zu unterhöhlen und abzuschaffen." Prof. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, sagte: "Ich fühle mich düpiert und getäuscht und frage mich, haben FAZ, Spiegel, Süddeutsche das nötig, solchen Dreck unter ihrem Label zu verkaufen."

Zum Angebot der Online-Buch-Shops gehören Bücher von Nazi-Größen wie Otto Skorzeny, Hitlers wichtigstem SS-Mann für Kommando- und Sabotageaktionen, oder von Leon Degrelle, dem Chef der wallonischen Waffen-SS in Belgien. Zu kaufen gibt es auch Werke des bekannten Holocaustleugners David Irving. Ebenfalls erhältlich ist das 2009 erschienene Buch "Der Zweite Weltkrieg" des Autors Helmut Schröcke. Dieser schreibt in Zusammenhang mit der Erschießung von fast 34.000 Juden durch die Nazis im Jahr 1941 in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew von einer "angeblichen Mordaktion". Der Staats- und Verwaltungsrechtler Prof. Christoph Degenhart von der Universität Leipzig hält dies für eine Leugnung des Holocaust: "Ich sehe im Hinblick auf die Leugnung des Judenmordes in der Schlucht von Babi Jar in der Tat einen Anfangsverdacht für die Verbreitung strafbarer Inhalte, auch in einigen anderen Passagen des Buches."

Die Bücher für die drei Online-Buch-Shops liefert der Großhändler Libri. Über diesen Dienstleister werden alle Bestellungen abgewickelt. Im Angebot hat Libri mehr als fünf Millionen Titel. Auf Nachfrage von "Report Mainz" ließ Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo schriftlich mitteilen, man könne den Vertrieb rechtsextremistischer Literatur nicht verhindern. Wörtlich heißt es: "Eine Zensur durch Händler ist ausdrücklich untersagt. (...) Es gibt eine Verpflichtung zum 'ganz oder gar nicht'". Zahlreiche Juristen, die "Report Mainz" unabhängig voneinander befragt hat, halten diese Argumentation für unzutreffend. Der Stuttgarter Medien- und Verlagsrechtler Prof. Emanuel H. Burkhardt sagte: "Eine solche Verpflichtung kenne ich nicht. Ein Ganz-oder-gar-nicht gibt es für den Bereich der Einzelonline-Buch-Shops nicht. Vielmehr hat hier definitiv der Spiegel die Möglichkeit - wie auch jeder andere Buch-Shop -, auszusortieren und lediglich ein begrenztes Angebot anzubieten. Insbesondere ist jeder Einzel-Buch-Shop frei zu sagen, bestimmte Literatur biete ich nicht an."

Der Verlag der FAZ teilte "Report Mainz" mit, eine Positivauswahl von Büchern sei nicht leistbar. Der Süddeutsche Verlag verweist darauf, dass eine Durchsicht im Hinblick auf rechtsextreme Titel "aufgrund des großen Umfangs nicht möglich" sei. Recherchen von "Report Mainz" bei Libri haben dagegen ergeben, dass der Dienstleister neben einer Art Basisgeschäftsmodell, bei dem Online-Shop-Anbieter kostengünstig das gesamte Libri-Sortiment übernehmen können, auch ein so genanntes Verlagsshopmodell anbietet. Hier sei man bezüglich des Ausschlusses einzelner Bücher oder Verlage komplett flexibel. Auch die Berücksichtigung einer Negativliste sei technisch möglich. Bei diesem Modell seien allerdings Anfangsinvestitionen ab etwa 30.000 Euro plus Folgekosten notwendig.

Salomon Korn fordert die Verlage auf, vorrübergehend Geld zu investieren, damit diese nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren: "Bei der Verbreitung einer solchen Literatur nimmt der Ruf dieser Qualitätspresse und der Verlage, die dahinter stehen, Schaden."

Zitate gegen Quellenangabe frei. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an "Report Mainz", Tel.: 06131/929-3351.

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