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Westfalen-Blatt: zur Wirtschaft in Zeiten der Krisen

Bielefeld (ots) - Kommt er jetzt oder kommt er nicht, der griechische Schuldenschnitt? Die Frage, die die Medien hierzulande seit Monaten beschäftigt, lässt die europäische Wirtschaft eigenartig kalt. Als sich die Bevölkerung Griechenlands am vergangenen Sonntag gegen die weiteren Reformen und hinter den Zickzack-Kurs ihrer Regierung stellte, schüttelten sich die Börsen einen Augenblick. Die Kurse sanken um 3,3 Prozent. Das war's aber auch. Mehr passierte nicht. Mindestens ebenso erstaunlich ist die Gelassenheit, die Unternehmer und Anleger hinsichtlich der anderen Krisen an den Tag legen. Am häufigsten werden noch die Folgen des Kriegs in der Ukraine angeführt. Doch selbst dieser bewaffnete Konflikt vor der eigenen Haustür gerät schon mal in Vergessenheit. Der Terror des Islamischen Staates, von El Kaida, Ansarullah und Boko Haram, weltweit mehr als 30 Kriege: Alle diese Brandherde lassen die Wirtschaft kalt. Da beschäftigte man sich in der vergangenen Woche sogar mehr mit den Kursverlusten an chinesischen Börsen - obgleich diese im Wesentlichen von Spekulationen angetrieben wurden. Nun sind Unternehmer schon von Berufs wegen Optimisten. Wären sie Pessimisten, würden sie ihr Geld irgendwo tief unter der Bettdecke verstecken und hier das Ende der Welt erwarten. Allerdings gründet in diesem Fall das Prinzip »Business as usual« auch auf der Annahme, es sei Sache der Politik, die Krisen zu meistern. Das ist zwar im Prinzip richtig. Doch sollte dies die Wirtschaft nicht davon abhalten, über die Folgen nachzudenken. Dabei reicht es nicht, sich nur an Zahlen zu halten. Sie ergeben gerade am Beispiel Griechenland auf den ersten Blick ein scheinbar klares Bild: Nur 2,5 Prozent der europäischen Staatsschulden entfallen auf Athen. An der weltwirtschaftlichen Leistung hatte Griechenland auch schon vor der jetzigen Krise gar nur einen Anteil von 0,3 Prozent. Da ist man als Unternehmer geneigt, die ganze Griechenland-Frage als rein soziales Problem zur Seite zu schieben. Diese Sicht verkennt, dass es nur eine Welt gibt. Die Ökonomie kann sich nicht losgelöst von politischen Konflikten, sozialen Bewegungen und ökologischen Veränderungen entwickeln. Mal abgesehen, dass es ganz einfach brutal ist, wenn manche fordern, die Griechen »sich selbst zu überlassen«: Weder machen soziale Bewegungen an einer Landesgrenze halt, noch kann sich Europa an der Südostflanke einen machtfreien Raum leisten - auch nicht die Wirtschaft. Sicher, dieses ewige Hin und Her, das ständige Aufstellen und Beiseiteräumen von Ultimaten, das muss ein Ende haben. Auf der anderen Seite müssen die Finanzminister und Regierungschefs an diesem Wochenende eine Lösung erarbeiten, die länger hält als die bisherigen Maßnahmen. Von einem Erfolg hängt viel ab - auch und gerade für die europäische Wirtschaft. Die Chancen sind nach dem Auftauchen einer griechischen Reformliste wieder etwas größer.

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