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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Bekleidung aus Bangladesch

Bielefeld (ots) - Der Untergang der Titanic, bei dem 1912 mehr als 1500 Passagiere ums Leben gekommen sind, hatte immerhin zur Folge, dass im Jahr danach die Sicherheitsvorschriften auf einer internationalen Schifffahrtskonferenz erheblich verschärft wurden. Unter anderem wurden Bauvorschriften geändert und eine ständige Eispatrouille eingeführt, die bis heute ihren Dienst verrichtet. Auch nach dem Einsturz des Industriegebäudes Rana Plaza in Bangladesch, bei dem vor zwei Jahren 1137 Arbeiter und Arbeiterinnen ums Leben kamen und 2500 teils so schwer verletzt wurden, dass sie ihr Leben lang behindert sein werden, wurde konferiert und einiges an Verbesserungen beschlossen. Ob die Beschlüsse genauso nachhaltig sind wie damals nach dem Untergang der Titanic, wird erst die Zukunft zeigen. Natürlich kann man klagen, dass es erst zur Katastrophe kommen musste, bevor die Branche reagierte. Doch schlimmer wäre es, hätten die Hersteller selbst danach nicht reagiert. So wichtig es ist, künftige Katastrophen zu verhindern: Es genügt nicht. Die Modefirmen tragen auch Verantwortung für die Opfer. Es gebietet schon der Anstand, dass sie die Verletzten und Hinterbliebenen entschädigen und die Unterstützung geben, die sie brauchen. Ihr schweres Leid wird dadurch nicht aus der Welt geschafft - allenfalls zusätzliches Leid verhindert. Auf die große Entfernung und die Vergesslichkeit der Gesellschaft zu setzen, wäre niederträchtig. Dass die Importeure von Kleidung, die in Rana Plaza produziert wurde, Verantwortung tragen, daran darf es keinen Zweifel geben. Die Machtverhältnisse sind so, dass sie die Bedingungen für die Produktion von Deutschland aus weitgehend diktieren konnten. Nicht von ungefähr beriefen sich die Manager in Rana Plaza auf den Zeitdruck und drohende Konventionalstrafen ihrer ausländischen Abnehmer, um die besorgten Belegschaften in das baufällige Gebäude hineinzuzwingen. Die Schuld lässt sich nicht der bangladeschischen Regierung zuschieben. Schließlich war deren willfähriges Eingehen auf die Wünsche der Textilindustrie für viele - nicht für alle - ein Argument für ihre Standortentscheidung. Ein anderes Argument waren die niedrigen Löhne. 53 Euro monatlich sind zu wenig. Je mehr Verbraucher beim Einkauf nach den Bedingungen fragen, unter denen die billige Jeans oder das T-Shirt produziert wurden, desto mehr wird sich der Druck nicht nur auf die Branche, sondern auch auf die Bundesregierung verstärken. So könnte das von Gerd Müller (CSU), Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, angestrebte Siegel für fair produzierte Textilien zum Selbstläufer werden. Schon bröckelt die anfängliche Abwehrfront. Große Handelsketten haben dieser Tage ihre Bereitschaft signalisiert, mindestens in Verhandlungen einzutreten. Bleibt zu hoffen, dass dabei das Siegel nicht noch verwässert wird.

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