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Westfalen-Blatt: zum Armutsbericht

Bielefeld (ots) - Arm! Klingt eindeutig, ist es aber nicht. Offiziell gilt ein Mensch als arm, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient. Doch Armut ist viel mehr als der Betrag auf dem Gehaltsscheck. Schlechte Zukunftsperspektiven, ein fehlendes soziales Netz und Ungleichbehandlung sind mindestens genauso wichtige Aspekte. Denn in Deutschland werden bestimmte Gesellschaftsgruppen an den Rand gedrängt. Alleinerziehende haben es besonders schwer. Sie müssen nicht nur den alltäglichen Ballast auf zwei Schultern stemmen, sondern in den meisten Fällen permanent den Kampf gegen die klamme Haushaltskasse führen. Hinzu kommt der immer noch nicht ideale Zustand des Kita-Systems. Der viel gelobte Ausbau bedeutet nämlich nicht automatisch Flexibilität. Doch darauf sind vor allem Mütter ohne Partner angewiesen, um nicht in die Armutsfalle abzurutschen. Wer kein funktionierendes familiäres Netz hat, scheitert schnell. Gleiches gilt für Rentner. Sie sind laut Armutsbericht eine weitere von Armut stark gefährdete Gruppe. Wie fühlt es sich wohl an, wenn man sein Leben lang hart gearbeitet hat und im hohen Alter plötzlich darauf angewiesen ist, dass die Kinder die Pflege bezahlen oder man das eigene Haus versetzen muss? Auch das ist ein Gesicht der Armut. Die Generation der heute 50- bis 65-Jährigen erlebt etwas völlig Neues. Sie können nicht sagen, dass ihre Kinder es finanziell besser haben werden als sie. So war es jahrzehntelang Usus. Sie müssen oft den Kindern in der Ausbildung und dann als junge Familie unter die Arme greifen sowie gleichzeitig die Eltern im Alter unterstützen. Die wenigsten jungen Paare können es sich leisten, dass nur ein Elternteil arbeiten geht, um die Familie in einer Zeit enormer Lebenshaltungskosten zu ernähren. Natürlich gehen junge Frauen häufig gerne wieder arbeiten nach der Babypause. Aber Fakt ist auch: Viele müssen es. Die Zeiten, in denen ein Durchschnittsverdiener eine fünfköpfige Familie ernährte, sind angesichts von Minijobs, unterwanderten Mindestlöhnen und Zeitverträgen vorbei. Selbstverständlich sind junge Familien nicht per se arm. Doch Kinder zählen als Armutsrisiko - leider. Dieser Wandel gehört zur traurigen Wahrheit dazu wie die Angst vor Altersarmut und die Kluft zwischen Armen und Reichen. Wer in OWL wohnt, hat Glück. Das Armutsrisiko ist weitaus geringer als beispielsweise im Ruhrgebiet. NRW fällt regional auseinander. Die unterschiedliche wirtschaftliche Kraft legt den Grundstein. Die Bevölkerungsstruktur tut ihr Übriges. Weniger Alleinerziehende, mehr Senioren mit akzeptablen Renten: Das sind nur zwei Aspekte zur Erklärung abseits der ökonomischen Stärke der Region. Angesichts dessen steht eines fest: Es wird Zeit, dass der Solidaritätszuschlag geändert wird. Viele Städte im Westen haben die Finanzspritze nötiger als Kommunen im Osten.

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