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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Kobane

Bielefeld (ots) - Viele Kurden in Europa sind verzweifelt. Machtlos müssen sie zuschauen, wie die Barbaren des sogenannten »Islamischen Staats« (IS) in die Stadt Kobane einrücken. Es bedarf keiner Fantasie, sich vorzustellen, wie es den verbliebenen Kurden und Nicht-Sunniten dort ergeht. Die islamistischen Terroristen machen keine Gefangenen. Schon in anderen Ortschaften gingen sie von Haus zu Haus und fragten selbst die Kinder, ob sie fortan ihren Gott verneinen und sich dem orthodoxen Islam anschließen wollten. Wer erschreckt den Kopf schüttelte, wurde auf der Stelle und vor den Augen der Eltern getötet. Diese Barbareien sind auch den Türken bekannt. Die türkische Armee hat die Mittel und könnte kriegsentscheidend eingreifen, ja sie steht sogar Gewehr bei Fuß in Sichtweite von Kobane. Aber weil sie es nicht tut und sogar Kurden daran hindert, ihren Landsleuten zu Hilfe zu eilen, wächst die Verzweiflung. Kobane droht ein kurdisches Srebrenica zu werden. Das treibt die Kurden nicht nur in der Türkei auf die Straße. Auch in Deutschland, besonders in Hamburg, kam es zu Ausschreitungen. Verzweiflung kennt keine Grenzen. Über die Motive Ankaras, dem barbarischen Treiben der Islamisten zuzuschauen, braucht nicht viel gerätselt werden. Erdogan treibt sein Machtspiel über Leichen hinweg. Er will einen möglichen Kurdenstaat so klein wie möglich halten und den Kurden zeigen, dass ihr Überleben jenseits von Kobane von ihm und seiner Armee abhängt. Ihm geht es um den Sturz des Alawiten Assad, der mit den Schiiten verbündet ist. Für ihn will er nicht gegen sunnitische Glaubensbrüder kämpfen, seien sie noch so brutal. Vielmehr will er vom Zerfall Syriens profitieren und keinesfalls einen kurdischen Staat in Syrien entstehen lassen. Die Autonomie der Kurden im Norden Iraks ist ihm schon zuviel. Diese unheimliche Komplizenschaft zwischen dem orthodoxen Sunniten Erdogan und den islamistischen Terroristen sollte den Europäern zu denken geben. Will man eine Türkei, die hundert Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern erneut ihr blutig-ideologisches Machtspiel treibt, wirklich innerhalb der Mauern Europas haben? Aber auch die US-Amerikaner und Europäer sind gefragt: Reichen Nadelstiche aus der Luft gegen eine mörderische Terrorbande? Lässt Obama Kobane im Stich, weil er vor den Wahlen Anfang November nichts weiter entscheiden will? Wenn Kobane fällt, dann liegt es auch an der Unentschlossenheit des Westens. Hütet euch vor den Verzweifelten, rief Bismarck auf der Balkankonferenz in Berlin 1878 als Vermittler den Vertretern der Großmächte zu. Heute sind es nicht die Serben, sondern die Kurden. Ihre Verzweiflung muss sich nicht nur gegen die Islamisten wenden. Die Toten in den türkischen Städten sind ein Fanal. Wer die Kurden heute nicht gegen die islamistischen Terroristen unterstützt, treibt sie selbst in den Terror - aus Verzweiflung über Kobane. Das geht auch uns an, siehe Hamburg.

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