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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Frankfurter Buchmesse

Bielefeld (ots) - Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht - wohl wahr, aber Brechts Haifisch ist alt geworden, er kaut schon mit den dritten Zähnen. Mackies Messer allerdings, das man damals nicht sah, bleibt scharf, und fast scheint es, als wollte deswegen die Buchbranche gar nicht genau hinschauen, wie Jeff Bezos mit dem Messer um die Ecke biegt.

Wenn heute die Frankfurter Buchmesse beginnt, wird man Jeff Bezos nirgends erblicken - aber er ist anwesend, er wird neben jedem der 7000 Aussteller stehen, und er wird jeden einzelnen der 300 000 Besucher durch die Halle begleiten. Jeff Bezos ist der Boss des Haifisches Amazon: Die Buchkäufer hat er mittlerweile verschluckt - jetzt umkreist er die Buchautoren. Gerade hat die Branche die Beißattacke des kleinen Fisches E-Book überstanden und freut sich darüber, dass der E-Commerce 2013 den Rückwärtsgang einlegen musste (- 0,5 Prozent). Die Freude ist verständlich, aber jetzt gilt es sich zu fragen, was es bedeutet, wenn der Hai im Verlagswesen dieselbe Marktmacht entfalten will, die er als Buchhändler längst ausübt.

Deutschland, das lange sanft in Ludwig Erhards Armen, der sozialen Marktwirtschaft, schlummerte, hat erkennbar Probleme, sich im deutlich nassforscheren Klima der freien Marktwirtschaft zurechtzufinden. Viele Branchengrößen glauben allen Ernstes, ein simpler Abwehrreflex werde reichen: Man bietet einfach die von Amazon verlegten Titel nicht beim Buchhändler an. »Amazon saugt Masse ab, wird aber keine Klasse bekommen«, behauptet Hans-Peter Übleis von Droemer Knaur.

Wenn der Schuss mal nicht nach hinten losgeht. Der Leser hat sich Amazon bereits ergeben wie das naive Robbenbaby dem kalten Jäger. Das bestellte Buch wird frei Haus geliefert - Herz, was willst du mehr! Dafür lass ich mich gerne fressen, sprich: mir heute die Titelauswahl diktieren und morgen die Preise. Als nächstes wird die Branche, wenn sie nicht aufpasst, Arm und Bein verlieren, sprich: marktfähige Autoren an den aggressiven Werber abgeben müssen. Es folgt die finale Phase (in die die USA übrigens bereits eingetreten sind): Literatur nach Schema F. Jeff Bezos hat mehrfach ungeniert eingestanden, er sehe im Leser nichts anderes, als den Datenlieferanten für künftig zu fabrizierende Texte. Seine Autoren verwursten diese Daten zu exakt den Geschichten, die der computergenerierte Algorithmus ausspuckt.

Ein furchtbarer Gedanke. Ideen und Gedanken zirkulieren fortan nicht mehr im freien Spiel der literarisch Kreativen. Bald blubbert es bloß noch leise im Bauch des Hais: unverdaulicher Textbrei. Wenn die Frankfurter Buchmesse wirklich eine Leistungsschau sein will, muss sie mehr können, als nur bedrucktes Papier auszustellen. Dann muss sie den Kampf um den Fortbestand der Buchkultur aufnehmen. Und um ihrer Millionen Leser willen muss sie ihn sogar gewinnen.

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