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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Erdogan

Bielefeld (ots) - Diesmal kann Recep Tayyip Erdogan weder versuchen, Facebook abzuschalten, noch den Volkszorn auf ausländische Verschwörer lenken. Das Grubenunglück von Soma entlarvt den türkischen Premier klarer denn je. Die landesweiten Unruhen ausgehend vom Gezi-Park, die staatsstreichähnlichen Säuberungen bei Polizei und Justiz, selbst massive Korruptionsvorwürfe haben ihm die Anhänger von der AKP durchgehen lassen. Sein antimodernistischer Populismus soll bei der angeblich rückständigen Landbevölkerung sogar mehrheitsfähig gewesen sein. Das behaupteten jedenfalls türkische Gesellschaftsforscher. Jetzt schlägt der scharfe Wind zwischen Bosporus und syrischer Grenze radikal um. Der Wüterich steht als Schinder des kleinen Mannes da. Erdogan sollte das Bad im Zorn der Straßen von Soma eine Lehre sein. Ob ihn die Menge lynchen wollte und er deshalb in einen Laden floh, oder ob der ausgerastete Sultan einen Mann dorthin verfolgte, ihn als »israelische Brut« beschimpfte und ohrfeigte, ist egal. Das eine ist so schlimm wie das andere. Vom Alten Fritz wird erzählt, er habe auf Berliner Boulevards unbotmäßige Bürger geprügelt mit den Worten: »Ihr sollt mich lieben.« Häufiger als gemeinhin bekannt umgeben Schläge, Tritte und wüste Gewalt auch Erdogans öffentliche Auftritte. Zum einen schützt er sich vor dem echten Volk stets mit Anhängern, die per Bus herangekarrt werden. Die sorgen schon dafür, dass Zwischenrufer von der Masse zum Schweigen gebracht werden. Erdogan und seine gemeingefährlichen Leibwächter sind Raufereien gewohnt, egal wo sie auftreten. Kritiker werden schnell wegverhaftet, zur Not auch öffentlich geprügelt. Unterschiede zwischen Frau und Mann, Kind oder Greis werden nicht gemacht. Auch wer schon einmal beobachtet hat, wie sich türkische Pressefotografen balgen, wenn nur die Limousine des Ministerpräsidenten irgendwo vorfährt, spürt die Aura der Gewalt, mit der sich dieser Herrscher umgibt - und wie er sie ganz offensichtlich auch genießt. Wenn Erdogan über die schwerste Industriekatastrophe in der Geschichte seines Landes stürzen sollte, was noch nicht ausgemacht ist, dann geschieht das auch, weil er nur wie ein Soldatenkönig herrschen kann oder gar nicht. Zur Brutalität gesellt sich Dummheit. Erdogans freiwilliges Eingeständnis, türkische Kohlengruben seien auch nicht besser als englische im 19. Jahrhundert, war der entscheidende Fehler. Je mehr technische Unzulänglichkeiten, mangelnde Sicherheitskontrollen und korrupte Aufsichtsbehörden nach der Katastrophe in den Blickpunkt geraten, um so enger wird es für Erdogan und seine Clique. Er kann nicht mehr mit »Kismet« argumentieren, also Allah und das Schicksal bemühen, wenn sein Nimbus gebrochen ist. Erdogan hat fertig.

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