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Westfalen-Blatt: zu Bangladesch

Bielefeld (ots) - Ein ökologisch denkender und sozial handelnder Osterhase hat es leicht. Jedes Ei, das er bemalt, enthält neben dem Legedatum Angaben zum Herkunftsland, der Haltungsform des Huhns und dem Betrieb. Natur-Eierfarben und Schokolade mit Fair-Trade-Logo sind ganz selbstverständlich im Angebot. Die Probleme beginnen, wenn der Osterhase zusätzlich eine Bluse, ein Hemd oder ein T-Shirt ins Nest legt. Statt eines Siegels, das zweifelsfrei garantiert, dass die Näherinnen fair behandelt und bezahlt werden, gibt es einen Wirrwarr von Zeichen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Ein einheitliches Siegel ist bislang nicht nur am Widerwillen maßgeblicher Modeverkäufer gescheitert. Es gibt auch objektive Hindernisse. Dazu zählt die internationale Arbeitsteilung. Stoffe, Knöpfe und Accessoires wie Ketten, Leder- und Kunststoffgürtel werden an ganz unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt produziert. Alle Schritte zu überwachen ist aufwendig. Der wichtigste Arbeitsschritt ist sicher das Nähen. Da sollte es eigentlich nicht schwer sein, äußere Bedingungen wie Gebäudesicherheit, Brandschutz, Sicherheit am Arbeitsplatz und Luftreinheit von Kontrolleuren prüfen zu lassen, die gegen Korruption immun sind. Doch schon was den Lohn betrifft, so gibt es etwa in Bangladesch, dem weltweit zweitgrößten Textilproduzenten, staatlich festgelegte Mindestlöhne. Sie wurden zwar erst verdoppelt. Doch selbst 5300 Taka - umgerechnet knapp 50 Euro - reichen im Monat kaum zum Leben. Bei so vielen Unwägbarkeiten ist die Versuchung groß, wie ein Strauß den Kopf in den Sand zu stecken und einfach nichts zu tun. Nach der Methode gingen in der Vergangenheit auch die Einkäufer der Billig-Textilanbieter vor: »Ich verhandle den Preis, für den Rest sind andere verantwortlich.« Auf die Art ändert sich nie etwas. Doch es gibt Indizien für fair produzierte Bekleidung. Da ist vor allem der Preis. Bei drei Euro für ein T-Shirt ist schwerlich anzunehmen, dass auch die Frau oder der Mann, die es zugeschnitten und genäht haben, fair bezahlt worden sind. Umgekehrt ist ein hoher Preis zwar ein Hinweis, aber keine Garantie, dass alle Sozial- und Sicherheitsstandards eingehalten wurden. Zusätzlichen Schutz bietet der Markenname. Markenhersteller geben viel Geld unter anderem für das Marketing aus. Alles wäre verloren, wenn ihr Name in Verbindung mit Berichten über miserable Arbeitsbedingungen gebracht würde. Noch besser wären natürlich Zertifizierung und Siegel. Doch bis dahin hilft es, sich beim Händler nach den Produktionsbedingungen zu erkundigen. Natürlich wird die Verkäuferin bei der ersten Nachfrage stutzen. Doch je mehr sich interessieren, desto schneller beginnt in den dafür eventuell noch unsensiblen Unternehmen das Nachdenken. Und desto schneller werden sich die Beteiligten auf ein Siegel einigen. Es wäre doch gelacht, wenn die Produktionsbedingungen für ein Kleidungsstück nicht irgendwann genauso viel Beachtung finden wie die für ein Osterei.

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