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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Syrien

Bielefeld (ots) - Die Aussichten auf einen Durchbruch bei den Syrien-Gesprächen in der Schweiz bleiben auch nach den ersten direkten Begegnungen bescheiden. Dass die bloße Anwesenheit am Verhandlungstisch schon als Erfolg verbucht wird, beschreibt ziemlich deutlich, wie gewaltig die Aufgabe für den unermüdlichen UN-Vermittler Lakhdar Brahimi bleibt. Und ob Frauen und Kinder die umkämpfte Stadt Homs tatsächlich verlassen dürfen, wie gestern in Genf vereinbart wurde, muss sich erst noch erweisen. Die Vertreter des Syrischen National Kongresses (SNC) und der Regierung beziehen diametral entgegengesetzte Positionen, die nur schwer erkennen lassen, auf welchen Feldern weitere Annäherungen möglich wären. Hinzu kommt, dass andere Bürgerkriegsparteien die Reise nach Genf gar nicht erst auf sich genommen haben. Die verfahrene Situation offenbart das Vakuum, das der Rückzug der USA als Ordnungsmacht im Nahen Osten hinterlässt. Nach einem Jahrzehnt kostspieliger Konflikte in Afghanistan und Irak haben die Amerikaner keinen Appetit auf weitere Interventionen. US-Präsident Barack Obama erklärte seine Zurückhaltung kürzlich mit nüchterner Realpolitik. Es sei »sehr schwierig, sich ein Szenario vorzustellen, bei dem unser Engagement in Syrien zu einem besseren Ergebnis geführt hätte«. Anstelle einer »Pax Americana« ringen nun regionale Mächte um Einfluss in dem Bürgerkriegsland, das zum Schauplatz mehrerer Stellvertreter-Konflikte geworden ist. Die Saudis und ihre Verbündeten am Golf wollen die Hegemonialansprüche Irans abwehren, während der Gottesstaat in dem syrischen Diktator Bashir al-Assad einen Schutzpatron der Schiiten sieht. El-Kaida-nahe Gruppen kämpfen ihrerseits für einen fundamentalistischen Staat, der die Sunniten-Hochburgen in Irak und Syrien vereinen soll. Und Russland möchte seinen letzten Anker in der Region und seinen Mittelmeerzugang nicht verlieren. In diesem Knäuel aus Interessen lässt sich nicht immer trennscharf ausmachen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, wer die Leidtragenden sind: Die syrische Zivilbevölkerung. Verhandlungsführer Brahimi zieht daraus die richtige Konsequenz und versucht die Lieferung von Lebensmitteln, den Austausch von Gefangenen und andere humanitäre Schritte zu erreichen. Statt sich an zurzeit unerreichbaren Zielen abzuarbeiten, sollten die USA und Russland ihren Einfluss auf den SNC und Damaskus nutzen, kurzfristig humanitäre Korridore durchzusetzen. Als Vorbild bietet sich die Kooperation bei der Beseitigung der Chemiewaffen des syrischen Regimes an. Wie damals könnte Präsident Obama mit der flankierenden Androhung gezielter Luftschläge für den notwendigen Nachdruck sorgen. Das brächte nicht das Ende des Bürgerkriegs, wäre aber ein realistischer Schritt, das Leiden der Zivilbevölkerung in Syrien zu verringern.

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