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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Tunesien

Bielefeld (ots)

»Tunesien - die Straße bringt den Wandel«. Seit Tagen prangt dieser Titel über den Rund-um- die-Uhr-Berichten des arabischen TV-Senders al-Dschasira im Maghreb und im gesamten Nahen Osten. Die Story von der Vertreibung des korrupten Präsidenten Ben Ali allein durch die Kraft der Straße hat eine extrem hohe Einschaltquote bei 300 Millionen Arabern. Denn es brodelt in vielen, wenn nicht allen diesen Ländern. Dass das eine Revolution ist, versteht jeder Zuschauer - bis auf Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi, der seit 40 Jahren unstürzbare Irre von nebenan. Er ist ratlos: »Ich kenne diese neuen Leute nicht, aber wir alle kennen Ben Ali und die Veränderungen, die in Tunesien erzielt wurden. Warum zerstört ihr dies alles?«. Millionen in der arabischen Welt wissen um die Antwort. Sie erkennen sich in den TV-Bildern von dieser urplötzlichen Revolution wieder. Ob Algerien, Libyen, Jordanien oder sogar Iran: Überall leben Massen in Armut, verstellen korrupte Behörden, prügelnde Polizisten oder auch hartleibige Mullahs den Weg zu einem kleinen Stück persönlicher Freiheit. Im Jemen riefen prompt tausend Studenten »Freies Tunis, Sanaa grüßt dich tausend Mal«. In Kairo, wo mehr Geheimpolizisten als Uniformierte jedes Viertel fest im Blick haben, trauten sich Hunderte zu einer nicht genehmigten Demonstration vor der tunesischen Botschaft.

Noch ist der politische Wechsel zwischen Bizerte und Djerba nicht wirklich vollzogen. Wie es mit Tunesien nach der heillosen Flucht des Diktators und seiner korrupten Familie weitergehen wird, ist noch gar nicht absehbar. Am Samtag und Sonntag entwickelte sich ein gefährliches Machtvakuum. In dieser Phase macht das Militär Jagd auf Ben Alis Sicherheitspolizei, werden Tankstellen, Supermärkte sowie Geldautomaten geplündet, verteidigen Bürgerwehren ihren Kiez und gehen die Lebensmittel aus. Wahlen, Opposition, Koalitionsverhandlungen, stabile Verhältnisse bleiben bislang europäisches Wunschdenken. Wahrscheinlicher ist ein Abgleiten in ein vorläufiges Chaos, das denen dient, die im Hintergrund alte Fäden neu spinnen. Ein Blick in die Berichte Amnesty Internationals zeigt, wie viele politisch Andersdenkende Jahr für Jahr in den Wüstenknästen verschwanden. Nach anderen Berichten wurden Tausende hingerichtet, viele gingen ins Exil. Eine richtige Opposition hat sich gar nicht bilden können. Schnelle Neuwahlen, sofern es dazu kommt, spielen den alten Kräften auch formal in die Hand. Egal wie, Geheimpolizei und Armee sind in der Position des Stärkeren und könnten die Macht behalten. Eine im Rausch befindliche Protestbewegung ohne weitere Strukturen lässt sich, so zeigen es viele Beispiele, über kurz oder lang mit Scheinangeboten kompromittieren und schwächen. Politische Wunder bleiben die Ausnahme.

Pressekontakt:

Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

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