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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Leiharbeit

Bielefeld (ots) - Da hat die Stahlbranche wirklich mal ein heißes Eisen angepackt. Mit dem Beschluss der Tarifparteien in Nordwestdeutschland, dass Leiharbeiter von nun an in den Betrieben genauso zu entlohnen sind wie die Stammbelegschaft, setzten sie ein Zeichen, an dem schon die Metall- und Elektroindustrie kaum vorbei kommen wird. Die IG Metall wird es als Erfolg verbuchen und das Eisen schmieden, so lange es glüht. Mit der Leiharbeit ist es wie mit der in jüngster Zeit noch viel mehr gerühmten Kurzarbeit: Beide haben den deutschen Arbeitsmarkt in der Krise so stabilisiert, dass die Wirtschaft um Massenentlassungen weitgehend herumgekommen ist. Das sicherte nicht nur den sozialen Frieden, sondern ermöglicht auch den Unternehmen. bei anspringender Konjunktur jetzt sofort wieder durchstarten zu können. Die Leiharbeit, bei ihrer Einführung in den frühen achtziger Jahren zunächst als Schmuddelkind schlecht angesehen, ist für viele Unternehmen heute unverzichtbar. Sie ermöglicht, Schwankungen in der Nachfrage auszugleichen, ohne sofort verdiente und qualifizierte Facharbeiter aus der Stammbelegschaft entlassen zu müssen. Doch wie jede Medizin bewirkt Leiharbeit nicht nur Gutes. Zu den Nebenwirkungen gehört eine Zweiklassengesellschaft in den Betrieben. Noch schlimmer ist, dass Leiharbeit in Fällen von Überdosis zu bleibenden Schäden im Unternehmen und darüber hinaus führt. Schließlich ist das Know-how nirgendwo so sicher verwahrt wie in der Stammbelegschaft. Verlässt sich ein Unternehmer zu sehr auf die Leiharbeitsfirma, läuft er Gefahr, gegenüber der in- und ausländischen Konkurrenz in Rückstand zu geraten. Nun ist das Know-how nicht in jedem Unternehmen und in jeder Branche gleich wichtig. Die Drogeriemarktkette Schlecker nutzte Leiharbeit, um die Löhne in ihren Filialen flächendeckend zu drücken. Eine solche Spirale nach unten, an deren Ende eine Verkäuferin nicht einmal das Existenzminimum sicher hat, ist nicht im Interesse der Gesellschaft. Deshalb wurde in den vergangenen Monaten die Forderung immer lauter, dass der Gesetzgeber die Leiharbeit so regeln müsse, dass Lohndumping ausgeschlossen werden könne. Die tarifvertragliche Einigung, mit der jetzt eine Branche voran geht, ist in jedem Fall der bessere Weg. Andere müssen folgen. In der Stahlbranche, die mit 85 000 Beschäftigten eher klein ist und mit ganz wenigen Leiharbeitern auskommt, war die Einigung vergleichsweise einfach. Anders sieht es schon in der Metall- und Elektroindustrie aus - nicht nur wegen der viel größeren Zahl von mehr als drei Millionen Beschäftigten, sondern auch wegen der sehr unterschiedlichen Zusammensetzung der Betriebe. Da kämpft der kleine Maschinenbauer mit ganz anderen Renditen und Randbedingungen als etwa der Volkswagenkonzern. Leiharbeit ist unverzichtbar. Sie ist so wertvoll, dass sie auch ordentlich bezahlt werden muss.

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