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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Deutschen Bahn

Bielefeld (ots) - Die Bahn bedankt sich gern, sogar bei ihren internationalen Gästen: »Thank you for travelling with the Deutsche Bahn«, tönt es bei Einfahrt in einen neuen Bahnhof aus jedem ICE-Lautsprecher. Das vor allem anfangs holprige Englisch gab Anlass zu manchem Schmunzler. Dennoch registrieren auch die kritischsten Bahn-Passagiere über die Jahre eine Zunahme an Höflichkeit beim durchschnittlichen Zugbegleiter. Die meisten Geschichten über bärbeißige Schaffner stammen aus der Beamtenzeit und sind bereits in die Jahre gekommen. Höflichkeit ist in jedem Dienstleistungsbetrieb eine Grundbedingung für Erfolg. Aber Höflichkeit ist nicht alles. Die Deutsche Bahn muss darüber hinaus lernen, ihre Kunden ernst zu nehmen. Wie schwer das dem Staatsunternehmen fällt, zeigt sogar die gestrige Anhörung seines Chefs im Verkehrsausschuss. Welcher andere Eigentümer würde solche Informationslücken seines obersten Managers durchgehen lassen? Zugegeben, Rüdiger Grube ist der Erbe Hartmut Mehdorns. Die ICE-Züge mit Klimaanlagen, die nur für Außentemperaturen bis 32 Grad Celsius ausgelegt sind, wurden vor seinem Amtsantritt angeschafft. Von Mehdorn weiß man, dass er seine Entscheidungen immer an dem großen Ziel eines Börsengangs ausgerichtet hat. Er ist - auch als Folge der vielen Pannen und Skandale - nun erst einmal in die Ferne gerückt. Grube aber muss das Steuer in die Hand nehmen. Mehr als ein Jahr nach dem Amtsantritt muss er nun die Weichen stellen. Das Gesicht von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sprach gestern Bände: Grube hat nicht mehr sehr lange Zeit. Aber auch die Politiker können dazu beitragen, dass der Bahnverkehr besser über die Gleise geht. Das Beispiel Nahverkehr zeigt, wie Konkurrenz funktioniert und sogar die Qualität hebt: Die Politik bestellt. Die Bahn Netz AG sorgt für reibungslosen Ablauf. Derzeit schwitzen die Bahn-Manager über das Schmerzensgeld für die Hitzeopfer. Grube selbst soll sich wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten. Mitleid ist indessen so lange nicht angebracht, wie der Grundsatz, dass das Wohl und Interesse der Kundschaft Vorrang haben, nicht in Fleisch und Blut jedes Bahnangestellten übergegangen ist. Wenn es stimmt, dass das Problem mit der Klimaanlage seit Jahren bekannt ist, dann stimmt die Kommunikation in dem Konzern nicht. Die Bahn-Führung hat genug Zeit gehabt, das Problem zu lösen. Die Bahn weiß gar nicht, welch gute Kunden sie hat. Die meisten reagieren relativ gelassen, wenn sich ihr Zug wieder einmal verspätet - vor allem, wenn es nur ein paar Minuten sind. Doch auch dem besten Kunden reist irgendwann der Geduldsfaden. Es gab eine Zeit, da war die Pünktlichkeit der Bahn sprichwörtlich. »Alle Wetter! Die Bahn«, hieß es. Der Spruch war positiv gemeint. Heute löst er nur noch Spott aus. Der aktuelle Skandal offenbart schwere technische und kommunikative Mängel. Beide müssen schnell gelöst werden. Jeder Aufschub verteuert die Rechnung.

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