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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur gesetzlichen Krankenversicherung/Zusatzbeiträge

    Bielefeld (ots) - Eines ist bei der ganzen Aufregung um sechs, sieben oder acht Euro Kassenbeitrag mehr im Monat zunächst einmal festzuhalten: Wer krank wird, hat es im weltweiten Vergleich nicht so schlecht getroffen, wenn ihm dies in Deutschland geschieht. Verfolgte man etwa während der Schweinegrippe-Aufregung im Sommer die Nachrichten aus der Industrienation Großbritannien, so musste der Eindruck einer Hilflosigkeit von Gesundheitsbehörden und Medizinerschaft entstehen, wie sie hier nur schwer vorstellbar wäre. Auch in manchem südlichen Urlaubsort wird eine Allerweltsverletzung immer noch schneller zum lebensbedrohlichen Ereignis, als man dies im 21. Jahrhundert annehmen sollte. Kann da für die deutsche Vollversorgung ein Zusatzbeitrag zu viel sein, dessen Gegenwert sich auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen beläuft? Ja, weil nämlich einseitig die Versicherten belastet werden sollen. Das sind die Bürger inzwischen zwar gewohnt, aber dadurch wird es ja nicht richtiger. Nun mag man es für naiv halten, ausgerechnet von Philipp Rösler, Gesundheitsminister der offenkundig lobbyismusanfälligen FDP, den Frontalangriff auf die Pfründe von Pharmaindustrie und Ärzteschaft zu erwarten. Dennoch sei das Gedankenspiel erlaubt, es herrsche Gerechtigkeit im Gesundheitssystem: Dann würde mancher Facharzt mit sechsstelligem Einkommen es sich zweimal überlegen, ob er sich am traditionellen Stöhnen seines Berufsstandes über zu geringe Bezahlung beteiligt. Dann würden Medikamentenhersteller als Beitrag zur Kostendämpfung mal ein paar Solidaritätseuro Nachlass pro Medikament gewähren. Dann würden auch Patienten nicht mehr bei jedem Husten zum Arzt rennen und dem Mediziner so lange auf die Nerven fallen, bis er ihnen eine Tüte voll Arznei verschreibt, von der sie kaum etwas verbrauchen. Und schließlich würden wir alle nicht aufschreien, wenn die Ärzte-, Apotheken- und Krankenhausbettendichte in unserem Wohnumfeld auf ein wirtschaftlich plausibles Maß sinkt. In diesem Utopia der Gesundheitsversorgung wären die Kassenbeiträge deutlich niedriger. Deutlich weniger Kassen hätte diese ideale Gesellschaft vermutlich aber auch. Und womöglich würden sich, von so viel Realitätssinn ihrer Mitmenschen begeistert, sogar ganz mutige Politiker finden, die es wagen, eine ernsthafte, von Polemik befreite Debatte über die Grenzen der Grundversorgung nicht nur anzustoßen, sondern auch zu Ende zu führen. Eines ist nämlich ziemlich sicher: dass die Möglichkeiten der Medizin und die Preise dafür auch in Zukunft schneller wachsen werden, als dies die Löhne und Gehälter der Versicherten tun. Also müssen zunächst die Besitzstandswahrer etwas von ihrem Geld abgeben, und dann brauchen wir eine engere Definition - und damit Begrenzung - der Gesundheitsversorgung, die allen Mitgliedern unserer Gesellschaft zustehen soll und für deren Finanzierung im Zweifel der Staat geradesteht. Was darüber hinausgeht, muss Privatsache sein.

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