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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: 80.000 Deutsche ohne Krankenversicherung Die Solidarität darf nicht bröckeln Thomas Klüter

Bielefeld (ots) - Das Prinzip des Sozialstaats zeichnet unser Land aus und der größte Teil der rund 80 Millionen Deutschen verlässt sich darauf. Der Gedanke dahinter ist so alt, wie einfach: Die große Gemeinschaft hilft dem Einzelnen, der es alleine nicht schafft. Alle zusammen beugen damit zu großen sozialen Ungleichheiten vor und stabilisieren das gesamte Gefüge im Land. Bereits im frühen Mittelalter unterstützten Zünfte - aus ihrem durch Beiträge erworbenen Vermögen - ihre Mitglieder bei Krankheit oder Invalidität. 1845 wurde aus der Solidarität für Handwerker gleicher Zunft eine Pflicht. Preußen ließ die Gründung von Krankenkassen zu und gestattete den Gemeinden, die am Ort beschäftigten Gesellen und Gehilfen zu zwingen, diesen Krankenkassen beizutreten. Später erließen die meisten anderen Staaten, dem preußischem Beispiel folgend, ähnliche Vorschriften. 1876 brachte das Gesetz über die eingeschriebenen Hilfskassen eine einheitliche Regelung für das gesamte Deutsche Reich. Die Verantwortlichen damals hatten erkannt, dass die Belastung für den Einzelnen kleiner wird, wenn die Gemeinschaft mehr Mitglieder hat. Das Prinzip basiert aber auch darauf, dass die, die mehr haben, sich auch finanziell mehr beteiligen. Wenn die Besserverdienenden sich aber aus dem Solidaritätsprinzip verabschieden und sich privat krankenversichern, gerät das Gefüge in Schieflage. Das erzeugt Frust bei den gesetzlich Versicherten und daraus entstand der gern bemühte Begriff der Zwei-Klassen-Medizin. Das führt auch zur verständlichen Reaktion, dass gescheiterte Privatversicherte eben selbst schuld seien, wenn sie ihre Beiträge nicht mehr zahlen können. Kommt der Staat dann zur Hilfe, trägt das auch die Gemeinschaft. Dem ein oder anderen gesetzlich Versicherten wäre es vielleicht eine Genugtuung, wenn die früher vermeintlich Besserverdienenden sich mit dem Antrag auf Arbeitslosengeld II beschäftigen müssen. Mit Solidarität hat das aber ebenso wenig zu tun, wie der Austritt aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Dinge, die wir an anderen kritisieren, sollten wir nicht mit eben solchen Dingen beantworten. Solidarität und Sozialstaat basieren auch auf Empathie für die Mitglieder der Gemeinschaft, auf Unterstützung derer, die es allein nicht schaffen.

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