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Lausitzer Rundschau: Übermenschenwahn - Zur Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 30 Jahren

Cottbus (ots) - Wer dieser Tage aktuelle Bilder vom Katastrophenreaktor in Tschernobyl sieht, der glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Da werkeln Arbeiter auf einer, so scheint es, ganz normalen Großbaustelle. Ein Minister reist an und spricht seine einstudierten Sätze in die Mikrofone. Nicht weit entfernt treffen Reisebusse mit Touristen ein, als handelte es sich um die Hamburger Elbphilharmonie, aber nicht um jenen Höllenmeiler, von dem aus vor 30 Jahren die Apokalypse über Europa hinwegwehte. Doch damit nicht genug: Bedrohte Tierarten haben die Todeszone von Tschernobyl als eine Art Naturreservat für sich entdeckt. Wer dann noch die mehr oder weniger überschaubaren Opferzahlen hört, die bis heute im Umlauf sind, der könnte schnell zu dem Schluss kommen: Unter dem Strich war alles gar nicht so schlimm. Der verheerende Tsunami in Südostasien forderte zum Beispiel ein Vielfaches an Toten. So zu denken oder zu rechnen, ist natürlich erlaubt, und wer sich die mitunter heillos überschießenden Ängste der Deutschen, die sich an die Atomenergie knüpfen, vor Augen führt, der mag angesichts der Relativierung des Grauens von Tschernobyl sogar eine gewisse Genugtuung verspüren. Dennoch ist eine solche Denkweise und Rechenart grundfalsch und extrem gefährlich. Wofür der Name Tschernobyl bis heute wie kein zweiter Begriff steht, das ist die Hybris des Menschen schlechthin, die Selbstüberschätzung, im Zweifel auch das Menschenunmögliche möglich machen zu können. Das ist eine Art Übermenschenwahn, der sich in gewisser Weise selbst darüber im Klaren ist, dass der Mensch nicht vollkommen beherrschen kann, was er da tut - der es aber trotzdem tut. Dabei sind Fehler und Irrtümer das, was uns Menschen zuallererst kennzeichnet.

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