Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Stark und Schwach Ausgleich CARSTEN HEIL

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Bielefeld (ots) - Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht. Mit dieser Parole machten in diesem Jahr die Republikaner in den USA Wahlkampf. Freiheit in der ökonomischen Entwicklung, Selbstverantwortung für sich und die Seinen, der Staat hat sich aus allem herauszuhalten. Bis zu einem gewissen Punkt ist das sicher richtig. In der formulierten Radikalität ist es aber eine Einstellung, bei der sich entweder nur die Starken durchsetzen oder die nur funktionieren kann, wenn es sich ausschließlich um eine Gesellschaft von Starken handelt. Beides ist nicht erstrebenswert, weil zu einem gelingenden Miteinander, zu gesamtgesellschaftlicher Stärke immer auch Unterschiede gehören, die akzeptiert und bis zu einem gewissen Grad ausgeglichen werden. Unterschiede treiben an, sorgen dafür, dass Menschen sich anstrengen. Der Starke kann für sich allein sorgen. Es gibt aber auch Schwache. Eine Botschaft von Weihnachten ist, dass es weniger leistungsfähige, in der Gesellschaft weniger anerkannte Menschen gibt. Hirten und Könige besuchten Jesus im Stall, Schwache und Starke versammelten sich später an Karfreitag unter dem Kreuz. Es ist die Verantwortung der Starken, auf Schwache Rücksicht zu nehmen, ihnen zu helfen. Im Zweifel auch, indem sie auf eigene Vorteile verzichten. In den USA ist jedoch nicht zuletzt auf Grund der oben genannten Überzeugung die Gesellschaft zutiefst gespalten. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Das führt zu unüberbrückbaren Gegensätzen, die die gesamte Gesellschaft schwächen. Schon hat der Gigant des 20. Jahrhunderts große Schwierigkeiten, sich zu behaupten. In Deutschland und Europa gibt es wenig Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Die Leistungsunterschiede auf dem Alten Kontinent treten in der Euro-Krise zu Tage. Und viele Untersuchungen belegen, dass wir auch in Deutschland dabei sind, die gesunde Balance zwischen Arm und Reich, Schwach und Stark zu verlieren. Deshalb wird im kommenden Bundestagswahljahr die soziale Frage sicher eine ganz wichtige werden. Warum kann jemand, der 250.000 Euro und mehr im Jahr verdient, nicht etwas mehr abgeben - um die Frage nach dem Spitzensteuersatz zu stellen? Oder derjenige, der viele Millionen auf der hohen Kante hat, eine Vermögensabgabe zahlen, die dann in Bildung investiert wird? Zum ganzen Bild gehört aber auch, dass der Schwache sich anzustrengen hat. Kein Wunder, dass den Starken die Lust vergeht abzugeben, wenn sie die Berichte des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD) lesen, der über "ganz unten" berichtet. Die andere Weihnachtsbotschaft ist, dass sich die Hirten aufmachten, sich also bemühten. Das ist eine Anstrengung, die die Gesellschaft von denen, die weniger haben, weniger können, weniger wollen, erwarten kann. Nicht aufgeben, Lernen und Arbeiten. Das können die starken Staaten Europas in der Euro-Krise auch von den Hilfsbedürftigen erwarten. Macht euch auf den Weg. Wer sich selber hilft, dem wird geholfen werden.

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