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BLOGPOST: Polizeisprecher: Kommunikation in aufgeregten Zeiten

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Einbrüche, Schlägereien und Vermisstenanzeigen sind Alltag für die Polizei. Der Job des Polizeisprechers ist dabei aber nicht immer einfach. In einer polarisierten Gesellschaft werden Informationen schnell instrumentalisiert. Und seit der Silvesternacht in Köln steht die Kommunikation der Polizei besonders unter Beobachtung. Drei Polizeisprecher erklären, worauf es ankommt.

Nach den Geschehnissen am Kölner Hauptbahnhof hat die Polizei deutliche Kritik einstecken müssen. Der Vorwurf: Beschwichtigen, relativieren oder gar nichts sagen. Und somit das Vertrauen der Bevölkerung untergraben. "Kein Kommentar" ist in aufgeregten Zeiten wie diesen schwerer denn je zu rechtfertigen. Doch was muss die Polizei melden? Spielt es für die Öffentlichkeit eine Rolle, welche Nationalität ein Einbrecher hat? Oder welchen Aufenthaltsstatus ein Taschendieb?

"Wir teilen die Nationalitäten von Tatverdächtigen grundsätzlich mit. Das war auch schon vor der Kölner Silvesternacht so", sagt Ivo Priebe, Leiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Bundespolizeipräsidium in Potsdam. Timo Zill, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Landespolizei Hamburg, sieht das ähnlich: "Unsere Pressemitteilungen richten sich an Pressevertreter, auch wenn sie für jeden öffentlich einsehbar sind. Daher nennen wir dort Nationalitäten von Verdächtigen, soweit uns diese bekannt sind. So kann jeder Medienvertreter selbst entscheiden, ob die Nationalität für seinen Bericht relevant ist oder nicht. Auf unseren Social-Media-Kanälen richten wir uns nach dem Pressekodex und erwähnen Nationalitäten nur, wenn sie für die Sachverhaltsdarstellung entscheidend sind."

Die Gratwanderung zwischen Informieren und Zurückhalten von Information gibt es in der Polizei-Kommunikation nicht erst seit der Flüchtlingskrise. Immer schon haben die Sicherheitsbehörden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht alles veröffentlicht. Die Polizei bewegt sich bei ihrer Kommunikation im Rahmen von gesetzlichen Regelungen und internen Vorschriften. Höchste Priorität hat dabei die öffentliche Sicherheit und nicht die Neugier der Menschen. "Unsere Aufgabe ist es, Sachverhalte neutral und wertefrei darzustellen, aber nicht die Einordnung von Straftaten in politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge", so Timo Zill.

Tritt ein Krisenfall ein, verfügen die Polizeibehörden über festgelegte Kommunikationsstrukturen. Sie sind in der Regel streng hierarchisch mit klaren Verantwortlichkeiten organisiert, um in einer Extremsituation schnell und reibungslos agieren zu können. "Gerade in Zeiten, in denen flache Hierarchien und ein lockerer Umgang miteinander als erstrebenswert angesehen werden, ist die hierarchische Organisation sowohl für die Bewältigung des Einsatzes als auch für die Kommunikation ein nicht zu unterschätzender Vorteil", meint Gero von Vegesack, Referent der Pressestelle des Bundespolizeipräsidiums.

Die sozialen Medien sind in Krisensituationen Segen und Fluch zugleich. Sie können Leben retten - und Leben gefährden. Auch für die Polizei sind sie inzwischen das Hauptkommunikationsinstrument, wenn es um den Dialog mit der Bevölkerung geht. Mit ihrer Hilfe fandet die Polizei nach Tatverdächtigen, sucht Vermisste, warnt die Bevölkerung vor Gefahren oder wirbt für Nachwuchs. Bundesweiten Beifall erhielt die Münchener Polizei für ihre Social-Media-Kommunikation beim Amoklauf im Juli oder zuletzt beim Oktoberfest.

Die sozialen Netzwerke sind inzwischen ein wichtiges Instrument zur Vertrauensbildung, weil sie den direkten Kontakt mit der Bevölkerung ermöglichen, ohne den Filter der klassischen Medien: "Durch Social Media können wir unsere Informationen neutral und unverändert an jeden weitergeben. Damit werden wir noch bürgernäher. Und die Bürger können sich auf uns als wertfreie und zuverlässige Informationsquelle verlassen", sagt Timo Zill.

Die meisten Dienststellen nutzen Twitter eher für kurze Infos, die schnell und in Echtzeit verbreitet werden (etwa aktuelle Verkehrsstörungen oder Polizeieinsätze). Facebook dagegen für detailliertere, weniger zeitkritische Anlässe (etwa kuriose Polizeieinsätze, Präventionsthemen, Sachfahndungen oder auch Nachwuchswerbung).

Je schneller sich Informationen über Twitter, Facebook und Co. verbreiten, desto mehr wächst der Druck auf die Polizei und ihre Kommunikationsarbeit. Denn oft braucht es eben Zeit, Informationen gründlich zu validieren, um sie dann verbindlich rausgeben zu können. Auch Falschinformationen verbreiten sich in Echtzeit. Digitale Gerüchte, ebenso wie Beleidigungen, sind kaum kontrollierbar und richten mitunter einen immensen Schaden an: "Die angebliche Anonymität der User verleitet sie oft dazu, sich im Internet unangemessen zu verhalten. Bei moralischen Fragen halten wir uns meist raus, strafrechtlich relevante Inhalte werden jedoch von uns stets zur Anzeige gebracht", erklärt Timo Zill.

Die Sicherheitsbehörden haben ihre internen Kommunikationsstrukturen deshalb längst auf die sozialen Medien ausgerichtet: Sie verfassen Social-Media-Guidelines und etablieren eigene Social-Media-Teams, die sich um das Community-Management kümmern. Viele Dienststellen führen inzwischen auch kontinuierlich Mitarbeiterschulungen durch: "Wir weisen unsere Polizeischüler auf die Gefahren in den sozialen Netzwerken hin. Es ist zum Beispiel nicht ratsam, viele Fotos auf seinem Facebook-Kanal zu veröffentlichen, wenn man später Zivilfahnder werden möchte", so Timo Zill von der Hamburger Polizei. Ivo Priebe vom Bundespolizeipräsidium ergänzt: "Jemand, der in jungen Jahren in seiner Freizeit fleißig auf seiner Facebook-Seite über die Ausbildung und Verwendung bei der Bundespolizei berichtet, kann später kaum im Bereich von verdeckten Ermittlungen oder bei der GSG 9 eingesetzt werden."

Die Herausforderung der Polizei liegt darin, die Kommunikation immer wieder flexibel an den Medienwandel anzupassen. Auch Humor darf dabei nicht zu kurz kommen, so die einhellige Meinung. "Nicht als Mittel zum Zweck, damit eine Pressemitteilung besonders lustig klingt und sich der Inhalt irgendwo auf Seite 20 unter 'Kurioses' wiederfindet, sondern als Teil der Dienstauffassung", unterstreicht Gero von Vegesack.

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