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BLOGPOST: "Nicht vom Konzept ablassen" - Wie man einen Obama-Besuch erfolgreich kommuniziert

Acht Jahre Vorlauf brauchte die Hannover Messe, um die USA als Partnerland zu gewinnen. Prominentester Gast: Barack Obama. Gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnete der amerikanische Präsident die weltgrößte Industriemesse. Für Wolfgang Kossert eine besondere Herausforderung. In TREIBSTOFF, dem Blog von news aktuell, erzählt der Kommunikationschef der Deutschen Messe AG, wie er die "Obama-Messe" erlebt hat.

TREIBSTOFF: Wie viel Schlaf hatten Sie in den Wochen vor der Messe?

KOSSERT: Nicht viel. Vor allem in den letzten Tagen davor nur vier bis fünf Stunden, weil ich sehr spät ins Bett gekommen bin und früh wieder aufstehen musste. Nachdem Obama weg war, mussten wir uns auch alle einen Ruck geben - die eigentliche Messe lief ja erst an.

TREIBSTOFF: Sie haben acht Jahre Vorlauf für die Organisation der diesjährigen Hannover Messe gehabt. Warum so lange?

KOSSERT: Es war sehr schwer, die USA als Partnerland zu gewinnen. In dem dezentral organisierten Land galt es eine unglaubliche Vielzahl unterschiedlicher Interessen unter einen Hut zu bringen. Mein Kollege Marco Siebert ist jahrelang von Gouverneur zu Gouverneur gefahren, hat Wirtschafts- und Industrieverbände von unserer Messe überzeugt. Am Ende ist er im Handelsministerium ein- und ausgegangen. Als dann von dort das Go kam, hatten wir das Ziel "Partnerland USA" erreicht. Aber dann war natürlich unser Ehrgeiz geweckt: Nun wollten wir Obama. Zum Vergleich: Die Vorbereitung für Polen - unser nächstes Partnerland - hat zwei Jahre gedauert. Das ist der Normalfall.

TREIBSTOFF: Die verschärften Sicherheitsbedingungen waren sicher die größte Herausforderung in der Organisation vor Ort. Sie mussten die Anzahl der zugelassenen Journalisten dieses Mal drastisch einschränken.

KOSSERT: Ja, das Akkreditierungsmanagement hat uns die ein oder andere schlaflose Nacht beschert. In den drei Hallen, die wir für den Messerundgang ausgewählt hatten, waren keine Besucher, sondern nur Aussteller zugelassen. Und die Journalisten durften nicht wie sonst die Delegation begleiten, sondern mussten in der Halle bleiben, für die sie angemeldet waren.

TREIBSTOFF: Das klingt sehr aufwändig.

KOSSERT: Allerdings. Obama hat ja die höchste Sicherheitsstufe. Zum Glück übernahm die Polizeidirektion Hannover die Koordination mit LKA, BKA und Secret Service. So hatten wir vor dem Messerundgang die Polizei mit 70 Hunden auf dem Gelände, die die Hallen noch einmal gründlich untersucht haben. Danach war der Zugang nur noch über Körperscanner-Gates und ohne Gepäck möglich.

TREIBSTOFF: Das hat sicherlich bei dem ein oder anderen Aussteller und Journalisten für Unmut gesorgt.

KOSSERT: Die meisten konnten die Forderungen der Sicherheitsbehörden nachvollziehen. Ich habe aber versucht, keine "brenzligen" Situationen entstehen zu lassen. Ein wenig nervös war ich, als ich den "White House Travel Pool" von einer Halle in die andere bringen musste. Das sind ca. 15 vom Weißen Haus handverlesene Journalisten, die prinzipiell überall hineinkommen, wo auch Obama hingeht. Das waren auch die einzigen, die die Hallen wechseln durften. Zwischen den zwei Hallen lagen 200 Meter Wiese, alles abgesperrter Sicherheitsbereich. Ich habe dann doch noch einmal vorher mit den Polizisten vor den Hallen gesprochen und sie informiert, dass ich gleich mit dieser Gruppe Journalisten quer durch den Sicherheitsbereich laufen werde. Nicht, dass einer der Scharfschützen, die da überall schwerbewaffnet auf den Dächern lagen, nervös würde...

TREIBSTOFF: Ihr Einsatz hat sich aber gelohnt, oder?

KOSSERT: Ja. Hannover und unsere Messe haben noch nie so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen wie in diesen zwei Tagen des Obama-Besuchs. Zum ersten Mal in der Geschichte reiste ein US-Präsident irgendwohin, um eine Messe zu eröffnen. Das gab es bisher selbst in den USA nicht. Es war ein Adelsschlag für uns und hat unterstrichen, dass niemand das Partnerlandkonzept so gut beherrscht wie die Deutsche Messe!

TREIBSTOFF: Sie konnten erstmals mehr als 450 US-Aussteller nach Hannover bringen. Bisher waren es durchschnittlich 80.

KOSSERT: Und viele werden sicher nächstes Jahr wieder kommen. Was mich aber besonders freut: Wir haben hier in Hannover vor drei Jahren den Begriff "Industrie 4.0" geprägt. In den USA kannte man bisher vor allem das "Industrial Internet". Jetzt sprechen selbst Amerikaner von "Industry 4.0".

TREIBSTOFF: Was haben Sie bei der Hannover Messe 2016 für Ihren Job gelernt?

KOSSERT: Dass man immer an seinem Konzept festhalten soll, wenn man davon überzeugt ist. Und sich auch nicht von einem wichtigen und durchsetzungsstarken Partner wie etwa dem Team des "White House Press Lead" davon abbringen lässt. Das stellte die Forderung, seine im Gefolge des Präsidenten angereisten rund 100 Journalisten für den gesamten Messerundgang mit Obama zuzulassen - was unser Konzept völlig gesprengt hätte. Ich habe übers Wochenende überlegt, wie ich mit dieser Forderung umgehen soll, und letztlich an unserem ursprünglichen Ansatz festgehalten. Das Ergebnis: Die Amerikaner haben das akzeptiert und abschließend sogar unser professionelles Presse-Management für den Rundgang gelobt.

TREIBSTOFF: Gibt es etwas, das Ihnen negativ in Erinnerung geblieben ist?

KOSSERT: Die Berichterstattung in einigen lokalen Medien hat die sicherheitsbedingten Einschränkungen für die Bevölkerung in Hannover sehr stark in den Mittelpunkt gerückt. Eine Schlagzeile war zum Beispiel: "Obama-Besuch: Kinder dürfen nicht in den Garten". Das erweckte den Eindruck, ganz Hannover würde zur Sperrzone, bezog sich aber nur auf die direkte Umgebung des Hannover Congress Centrums während eines eng begrenzten Zeitfensters von wenigen Stunden. Offensichtlich konnten wir diesen Medien den Nutzen für die Stadt und die Region, der durch diesen Besuch entstanden ist, nicht ausreichend erläutern: Hannover hatte die größte Medienaufmerksamkeit weltweit seit der EXPO 2000 - als Investitions- und Messestandort, aber auch als touristisches Ziel.

TREIBSTOFF: Welchen Eindruck hat Obama bei Ihnen persönlich hinterlassen?

KOSSERT: Er ist extrem charismatisch. Seine positive Haltung und seine Neugier, mit der er auf die Aussteller zugegangen ist, wie er mit den Leuten gesprochen hat und sie in seinen Bann ziehen konnte, haben mich sehr beeindruckt. Und auch die Offenheit und Freundschaftlichkeit, mit der sich Merkel und Obama gemeinsam über die Messe bewegt haben: Man hat gespürt, dass hier zwei Staatschefs miteinander umgehen, die viele Überzeugungen und Werte teilen.

TREIBSTOFF: So nah an den "Mächtigen" dran - bekommt man da auch persönlichere Dinge mit?

KOSSERT: Wenn, dann bleiben wir diskret. Dazu gelernt habe ich, dass man dem Präsidenten keine Basketbälle anbieten sollte. An einer Rundgangstation hätte er im Wettbewerb gegen einen Roboter Basketbälle in einen Korb werfen können. Das hätte bestimmt tolle Bilder gegeben. Aber es wurde leider aus Sicherheitsgründen verworfen. Die Bälle mussten weggeräumt werden. Ein Mitarbeiter aus dem Umfeld von Obama sagte mir augenzwinkernd, dass Obama vermutlich schwer zu bremsen gewesen wäre, wenn er an einen Ball gekommen wäre.

TREIBSTOFF: Gibt es noch andere Bilder, die bei Ihnen hängengeblieben sind?

KOSSERT: Zum einen ein sehr emotionales mit Merkel und Obama: Die Bundeskanzlerin hatte sich eine VR-Brille aufgesetzt und der amerikanische Präsident hält ihr für einen Moment die Hand: Das Bild symbolisiert, mit welcher Lockerheit die beiden miteinander umgegangen sind. Zum anderen die Auto- und Fahrzeugkolonne von Obama, die hier über das Gelände gefahren ist: die beiden "Beasts", bei denen man nur spekulieren konnte, in welchem davon Obama saß, dann die Scharfschützen, die direkt hinterher fuhren, und ständig zwei Kampfhubschrauber, die über dem Gelände kreisten.

TREIBSTOFF: Abgesehen von Obama - was ist Ihnen von der Messe in Erinnerung geblieben?

KOSSERT: Der Kontakt zu den Amerikanern. Ich habe viele Gespräche mit den amerikanischen Ausstellern geführt und neben den dominierenden Sachthemen ist mir dieses extrem positive Feedback auf unsere Messe im Gedächtnis geblieben.

TREIBSTOFF: Welche Klischees können Sie uns bezüglich der amerikanischen Kultur bestätigen?

KOSSERT: Die absolute Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit. Und der unbedingte Optimismus und die Bereitschaft, anpacken zu wollen. Nicht lange überlegen und Bedenken tragen, sondern einfach sagen: Wir machen das jetzt.

Dieser Beitrag ist ein Original-Blogpost aus TREIBSTOFF:

http://treibstoff.newsaktuell.de/2016/07/20/messekommunikation-obama

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