Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Olympia: Die Last der olympischen Ringe von Heinz Gläser

Regensburg (ots) - Ein klarer Fall für Wachstumsfetischisten. In Mexiko-Stadt wetteiferten 1968 insgesamt 5516 Athleten um olympische Lorbeeren. Das Budget der Spiele belief sich auf 175 Millionen US-Dollar. 48 Jahre später tummeln sich in Rio de Janeiro rund 11 000 Sportler, die Ausgaben summieren sich auf 10,5 Milliarden Euro. Diese gigantische Summe ist noch nicht mal rekordverdächtig. In Peking 2008 und London 2012 lagen die Budgets noch höher. Das legendäre Motto "Schneller, höher, weiter" schrumpft zum schnöden "Mehr, mehr, mehr". In Rio erweist sich indes: Kaum eine Stadt ist dem rasanten olympischen Wachstum noch gewachsen. Auch Rio ächzt unter der Last der Ringe. Die Spiele am Zuckerhut enden in der Nacht von Sonntag auf Montag mitteleuropäischer Zeit. Sie waren geprägt von sportpolitischem Gezänk, dem omnipräsenten Manipulationsverdacht, organisatorischen Pannen und - ja - fehlendem Flair. Letzteres war freilich schon während der Fußball-WM 2014 abzusehen. Dem Land war in den Jahren seit der Vergabe der Großereignisse schlicht die Basis der Bewerbung abhandengekommen. Aus dem Boomland, das sich mit der Ausrichtung einer global beachteten Mega-Veranstaltung seiner gewachsenen ökonomischen und politischen Macht vergewissern wollte, war zwischenzeitlich ein Krisenstaat geworden, in dem ein massiver Wirtschaftsabschwung weite Kreise der Bevölkerung beutelt und eine nicht enden wollende Serie von Korruptionsskandalen fast die gesamte politische Klasse diskreditiert. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) besann sich angesichts der waltenden Umstände notgedrungen auf die Devise "Augen zu und durch". Rio bleibt in der stolzen Olympia-Chronik, in der bis auf weiteres Sydney im Jahr 2000 das strahlendste Kapitel schrieb, eine Fußnote. Aber 2020 in Tokio betreten die Herren der Ringe sehr wahrscheinlich wieder politisch stabiles Terrain. Der arg gescholtene Thomas Bach hat dem IOC mit seiner Agenda 2020 prinzipiell den rechten Weg gewiesen - hin zu mehr Transparenz, mehr Nachhaltigkeit, mehr Bescheidenheit. In Rio de Janeiro erweist sich jedoch abermals, dass das Beharrungsvermögen die vornehmste Eigenschaft der olympischen Bewegung ist. Sie nähert sich den ambitionierten Zielen ihres Präsidenten Bach nicht im Sprint, sondern in Trippelschritten. Warum es trotzdem richtig und wichtig wäre, das Thema Olympia in Deutschland nicht endgültig ad acta zu legen? Weil die ablehnenden Bürgervoten in München und Hamburg vom Trotz und einem vagen Gefühl des Unbehagens diktiert waren, statt von der Vernunft. Weil die Schuld für die Abfuhren auf das Konto zögerlicher Politiker und dilettierender Sportfunktionäre ging. Und: Weil es auch anders geht als in Sotschi oder Rio. Die Winterspiele 2022 wären München angesichts der verbliebenen Konkurrenz durch Peking und Astana vermutlich in den Schoß gefallen. Das Konzept für Olympia in Bayern hatte Charme, die Nachhaltigkeit war der Markenkern der Bewerbung. Im prosperierenden Voralpenland wären die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die traditionelle Wintersportbegeisterung eine nachgerade ideale Verbindung eingegangen. Vorbei, vertan! Vorerst. Der organisierte deutsche Sport ist dabei, die Lehren aus den Debakeln zu ziehen. Er sollte die Pleiten sportlich nehmen - und beizeiten einen neuen Anlauf wagen.

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