Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Attacken auf Seehofer sind das Vorspiel - In der CSU beginnt der Kampf um die Nachfolge des Parteichefs. Die schärfsten Kritiker denken nicht weit. Von Christine Schröpf

Regensburg (ots) - Regierungspartei und gleichzeitig schärfste Opposition von Parteichef Horst Seehofer - bei der CSU passt das locker unter einen Hut. Das Ausleben scheinbar unvereinbarer Gegensätze in periodischen Abständen zählt zum Markenkern. Und wer könnte das eigene Spitzenpersonal glaubwürdiger ramponieren, als die Christsozialen selbst? Nach der vergeigten Europawahl taugt Seehofer einer Handvoll Parteifreunden als Ventil zur kurzfristigen Druckentladung. Sie denken dabei keine zwei Meter weit. Seehofer mag nicht perfekt sein und mutete seiner Partei schon einiges zu: Aber einen Besseren gibt es aktuell in der CSU nicht - und die, die sich als seine schärfsten Kritiker aufschwingen, haben es am wenigsten im Kreuz. Markus Ferber war als CSU-Spitzenkandidat bei der Europawahl alles andere als ein Zugpferd. Ex-Parteichef Erwin Huber hat den Sturz Stoibers samt der verlorenen Landtagswahl 2008 mitzuverantworten. Den Ex-Bundesministern Hans-Peter Friedrich und Peter Ramsauer haftet nicht gerade das Image von Lichtgestalten an. Die Attacken des seehoferfeindlichen Quartetts sind auch persönlicher Verletztheit geschuldet. Seehofer hat alle vier abgesägt oder ihren Sturz zumindest nicht verhindert. Im Fall Ferber ist die mediale Breitseite zudem ein Akt der Vorwärtsverteidigung. Wenn der CSU-Vorstand am Wochenende bei seiner Klausur das Europawahl-Debakel bis ins Detail analysiert, kommt noch mal auf den Tisch, dass Ferber sogar daheim in Schwaben als Spitzenkandidat wenig punkten konnte und die AfD dort das bayernweit beste Ergebnis einfuhr. Das heißt nun nicht, dass Ferber statt Seehofer den Schwarzen Peter verdient hat, oder dass öffentliche Kritik am CSU-Chef prinzipiell tabu ist. Doch ein Schlagabtausch ohne bessere Konzepte oder personeller Alternative ist närrisch. Simple Schuldzuweisungen greifen ohnehin zu kurz. Wahr ist, dass Seehofer den europakritischen Kurs im Europawahlkampf diktiert hat und ihn dabei erstmals sein untrüglicher Instinkt verließ, was beim CSU-Klientel gut ankommt. Das verunsichert seine Partei. Der Nimbus Seehofers hat Schrammen. Doch das CSU-Debakel war nicht allein falscher Themensetzung geschuldet. Es hat viele Ursachen. Die Wichtigsten: Die Bindekraft der Volksparteien lässt nach. Das größere Parteienspektrum knabbert Prozente weg. Die SPD bot mit Spitzenkandidat Martin Schulz einen harten Gegner auf. Ferber hatte dieser Mixtur wenig entgegenzusetzen. Auch Starke hätten es unter diesen Umständen schwer gehabt, doch zu diesen ganz Starken zählt er nicht. Dieses Etikett darf sich Manfred Weber anheften, der in Niederbayern für die CSU 50,5 Prozent der Stimmen holte und das bayernweite Ergebnis um zehn Prozent toppte. Ferber muss sich wohl oder übel eingestehen, dass er es nicht nur Seehofer anlasten kann, dass er kürzlich seinen Posten als Chef der CSU-Europagruppe in Brüssel verlor. Auch die CSU-Kollegen im Europaparlament wollten den Neubeginn. Die Attacken gegen Seehofer gehen allerdings über das übliche Nachtreten hinaus. Sie sind Vorgeschmack auf den bevorstehenden Machtkampf in der CSU. Der Regierungschef hatte im Landtagswahlkampf angekündigt, 2018 abzutreten. Je näher sein politisches Verfallsdatum rückt, umso mehr wird sein Rückhalt in den eigenen Reihen schwinden. Wasser fließt zum Meer, heißt es schon jetzt in der CSU. Eine Umschreibung dafür, dass sich die Partei in nicht allzu ferner Zukunft dem potenziellen Nachfolger oder der Nachfolgerin zuneigen will. Intern gibt es Gedankenspiele, Seehofer spätestens 2017 als Regierungschef auszutauschen, um mit einem amtierenden Kandidaten ins Rennen zu gehen. Eine Strategie, die allerdings einen großen Haken hat. Ein Kandidat für dieses Manöver drängt sich nicht auf. Ob Finanzminister Markus Söder oder Wirtschaftsministerin Ilse Aigner: Beide haben (noch) nicht Seehofers Kragenweite. Seehofer aber vorzeitig durch eine schwächere Figur abzulösen, wäre ein echtes Husarenstück. Ein Manöver, das bejubelt würde - allerdings nur von der Opposition. Es wäre ein Szenario, in dem Seehofer wohl lieber selbst noch einmal antritt, bevor er seinen Parteifreunden das Feld räumt.

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