Mittelbayerische Zeitung: Verschenktes Potenzial: Deutsche Politiker unterschätzen die Möglichkeiten des Internets und wie sie davon profitieren können. Von Nina Köstler

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Regensburg (ots) - Peer Steinbrück will Kanzler werden. Sozialen Netzwerken hat er sich aber bislang strikt verweigert: Den twitternden Politiker würde man ihm nicht abnehmen, zitiert ihn das Branchenportal meedia.de, "weil die meisten Leute sagen würden, das tut er jetzt nur, weil da ein magisches Datum im September ist". Dem SPD-Kanzlerkandidaten scheint (noch) nicht bewusst zu sein, welch mächtiges Wahlkampfinstrument er hier ungenutzt lässt. Aber da gehört er zu einer wirklich großen Koalition: Die meisten deutschen Politiker zeigen eher verhaltenes Interesse an der politischen Kommunikation via Social Web und setzen im Werben um die Wählergunst lieber auf die traditionellen Mittel und Wege. Diejenigen, die dann doch irgendwie Facebook, Twitter und Co. für ihre Zwecke einspannen wollen, tun dies meist mehr schlecht als recht. Es fehlt zu oft das nötige Verständnis, wie Kommunikation im Web 2.0 funktioniert. Solche Lücken könnten sich bald rächen. Denn dass Soziale Netzwerke - geschickt genutzt - mächtige Wahlkampfinstrument sein können, ist spätestens seit den erfolgreichen Webkampagnen von Barack Obama klar. Für die Kandidaten ist es in der heutigen Zeit nicht mehr leicht, das Wahlvolk an die Urnen zu bringen: Die Zahl der Nichtwähler in Deutschland lag 2009 bei 18,1 Millionen, die Wahlbeteiligung war niedrig wie nie zuvor. Die oft zitierte Politikverdrossenheit macht vor allem junge Menschen zu Nicht-Wählern. Die Kommunikation zwischen Volksvertretern und Bürgern funktioniert nicht mehr richtig. Doch genau hier könnte das Netz sein volles Potenzial entfalten. Das Internet spielt gerade bei den 18- bis 29-Jährigen - aber auch in anderen Altersgruppen - eine zentrale Rolle im täglichen Leben. Fast jeder zweite Deutsche ist Mitglied in einem Sozialen Netzwerk. Vor allem Facebook und Twitter sind zu wichtigen Orten für Kommunikation, Informations- und Meinungsaustausch geworden - mit einer ungeheueren Kraft, die Massen zu mobilisieren. Das hat nicht zuletzt der Arabische Frühling gezeigt. Soziale Netzwerke bieten Politikern vieles, wovon sie offline nur träumen können: einen einfachen und direkten Zugang zur Zielgruppe und die Möglichkeit, eigene Themen ungefiltert an den Wähler zu bringen. Viel wichtiger ist es aber noch, dass sich Plattformen wie Facebook ganz hervorragend als Dialoginstrument eignen. Per Social Web fühlt der Politiker sozusagen den Puls der Wähler, erfährt schnell und unverfälscht was sie denken, was sie bewegt, was sie sich von der Politik wünschen. Das kann nicht nur im Wahlkampf Gold wert sein. Doch es gibt ein Problem: Soziale Netzwerke folgen ganz eigenen Regeln, mit denen viele Politiker nicht umgehen können oder wollen. Der Weg zum Erfolg führt hier über Transparenz und Authentizität. Die Nutzer verstehen sich nicht mehr als passive Anhänger, sondern als gleichberechtigte Akteure, die Informationen aufnehmen, bewerten und ihre Meinung dazu kundtun. Einbahnstraßen-Kommunikation funktioniert hier nicht. Das Feedback ist unmittelbar und ungeschönt, die Reaktionen nur schwer zu kontrollieren, kaum zu manipulieren. Ein unbedachte Äußerung kann schnell einen Sturm der Entrüstung auslösen. Der kleinste Fehltritt wird sofort mit Hohn und Spott geahndet. Das schreckt viele Politiker ab. Trotzdem ist es höchste Zeit, sich an die veränderten Rahmenbedingungen einer vernetzen Gesellschaft anzupassen. Denn allerspätestens bei der nächsten Bundestagswahl 2017 wird kein Politiker mehr gewinnen können, der seine Wähler nicht auch im Internet abholt. Peer Steinbrück lässt inzwischen übrigens unter seinem Namen twittern...

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