Medientage München

Printgipfel der Medientage München: Die Macht der Inhalte ist größer als die der Funktionalitäten

München (ots) - Wurde vor kurzem noch der Tod der Printmedien vorhergesagt, hatten Untergangsszenarien dieser Art beim Printgipfel der MEDIENTAGE MÜNCHEN in diesem Jahr keinen Platz. Beschworen wurde vielmehr ein crossmediales, sich gegenseitig bereicherndes Nebeneinander von Printmedien und Online-Angeboten. Die Suche nach innovativen Geschäftsmodellen und der Konsens über eine sichere Zukunft des Qualitätsjournalismus prägten die von Frank Thomsen (Chefredakteur stern.de) moderierte Veranstaltung. Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer rief die Printmedien dazu auf, mutiger bei Investitionen in journalistische Ressourcen zu sein. "Die Macht der Inhalte ist größer als die der Funktionalitäten", sagte Weimer vor dem Hintergrund der Debatte um die Zukunft der Zeitung in der digitalen Welt. "Wir dürfen nicht zu den Content-Abfüllern werden", forderte er mit Blick auf journalistische Mainstream-Modelle im Internet. Entscheidend sei, nach professionellen Maßstäben mit relevanten Inhalten Orientierung zu bieten. Wenn die Zeitungsverlage sich nicht entschlössen, auf hochwertige Inhalte zu setzen, drohe der Branche eine Erosion. Im Idealfall könnten sich Inhalte in der gedruckten Zeitung und im Internet hervorragend ergänzen und wechselseitig verstärken. Auch Bayerns Medienminister und Leiter der Staatskanzlei, Siegfried Schneider, betonte, nur eine hohe inhaltliche Qualität könne zum Zukunftsgaranten der Printmedien werden, was durch verstärktes unternehmerisches Know-how unterstützt werden müsse. Schneider sagte, im Internet würden für die Verlage die Chancen größer sein als die Gefahren. Beide Medien verhielten sich komplementär: Während das weltweite Datennetz durch Aktualität, Vielfalt und Informationsdichte gekennzeichnet sei, erwiesen sich Printmedien als kompetent bei Themenvertiefung und Hintergrundberichten. Aufgrund der immer noch verbreiteten Gratis-Mentalität bei den Konsumenten sei es wichtig, die Akzeptanz von Paid Content zu steigern, betonte Schneider. Von politischer Seite werde in diesem Zusammenhang an angemessenen Urheber- und Leistungsschutzrechtsmodellen gearbeitet sowie das Medienkonzentrationsrecht überprüft. Andreas Scherer begrüßte die Unterstützung der Politik. Der Vorsitzende des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger argumentierte, für die system- und demokratierelevante Arbeit von Journalisten sei dies unerlässlich. Wenn die (Medien-)Welt der im Veranstaltungstitel zitierte Cyberspace sei, könne man sich die Printobjekte als veraltetes Raumschiff vorstellen, das rücksichtslos in neue Sphären geschleudert worden sei, sich aber tapfer gegen alle Verlockungen der neuen Welt wehre. In der Realität gehe es den Zeitungen jedoch "eigentlich ganz gut", die Verlage seien längst in der digitalen Zukunft angekommen. Basis für die Produktion von Papiermedien sei mittlerweile ebenfalls Hightech (Drucktechnik, Redaktionssysteme). Elektronische und mobile Erweiterungen des klassischen Zeitungsmodells ermöglichten neue Freiräume und extrem gestiegene Reichweiten. "Verlässliche Information" sei dabei auch in Zukunft ein entscheidender Faktor für ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Anders als Scherer glaubt Lars Hinrichs, CEO der Investmentfirma Cinco Capital, kaum noch an den Erfolg von Printmedien, die er mittlerweile nur noch im Offline-Bereich des Flugzeugs nutze. Zeitgemäße Funktionalitäten von Medien könnten heute nur noch durch technische Übertragungswege garantiert werden, warb Hinrichs für Online-Inhalte. Zu einer ganz anderen Einschätzung kam Dr. Wolfram Weimer: Der Focus-Chefredakteur bezeichnete die Printmedien als "prägende Macht im kulturellen Vorfeld der Demokratie." Nach Weimers Ansicht können die elektronischen Medien die gedruckten nicht ersetzen. Grund dafür seien inhärente Probleme wie die mangelnde Dynamik im öffentlich-rechtlichen System und eine "MBA/BWL-gesteuerte Denke von Medienmanagern". Zwischen diesen Kraftfeldern bewege sich ein teilweise entfremdeter Journalismus. "Manchmal fühlen wir Printschreiber uns als letzte Rocker des Medienbetriebs", beschrieb der Focus-Chefredakteur das große Leistungspotenzial von Zeitungen und Zeitschriften. Dass auch die Konzepte journalistischer Dienstleister überprüft werden müssen, ist die Überzeugung von dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner. Als Stichwörter nannte er eine noch engere Verzahnung mit den Kunden und die Optimierung der Arbeitsteilung zwischen Presseagentur und Medien. Basis des Agenturgeschäfts, in dem "Konkurrenz nichts Neues" sei, müssten geprüfte Informationen bleiben. Auch die Verlagsmanager auf dem Podium plädierten für Qualitätsjournalismus. Zugleich bestehe aufgrund digitaler Konkurrenz und gestiegener Kosten die Notwendigkeit zur Diversifizierung. In dieser Hinsicht setzen viele Zeitungshäuser auf neue Geschäftsfelder. So berichtete Ringier-Geschäftsführer Marc Walder von Aktivitäten in Bereichen wie Entertainment (Live-Konzerte, Ticketing) und E-Commerce. Dies trage dazu bei, den Printjournalismus weiterhin zu finanzieren, zumal sich über neue Verbreitungswege auch neue Konsumenten erreichen ließen: "Die Marken der Medienhäuser hatten noch nie so viel Reichweite wie heute." Der Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), Dr. Hans Grasser, warnte, neue Aktivitäten der Verlage dürften nicht zu einer "White-Label-Zukunft" führen, die sich von Markenbindung und -akzeptanz löse. Dies ist laut Christian Nienhaus jedoch nicht zu befürchten. Der Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe beschwor eine "situative Überlegenheit des Papiers", räumte allerdings ein, dass Verlage im Dschungel der digitalen und mobilen Angebote den wichtigen "Kontakt zum Endkunden" verlieren könnten. Insgesamt hänge guter Journalismus nicht von der Art des Verbreitungskanals ab, lautete der Konsens des Printgipfels. Hilfreich für die Diskussion über die Zukunft der Zeitung sei die Verlagerung des Schwerpunktes "von Nutz- auf Denkwert", sagte Wolfram Weimer. Die entscheidende Stärke der Printmedien liege in ihrer Orientierungs- statt Nachrichtenkompetenz. "Dann bleibt Printjournalismus der bürgerliche Leuchtturm in der Debattenlage der Republik", machte der Focus-Chefredakteur seiner Branche Mut.

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