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Aachener Nachrichten: Ein altes Feindbild - Putin, der Ukraine-Konflikt und der Westen; Kommentar von Joachim Zinsen

Aachen (ots) - Der Russe steht mal wieder vor unserer Tür. Irgendwie ist er eine schaurige Gestalt - finster, bedrohlich und unberechenbar. So, wie er halt immer schon war. Kaum ein Feindbild lässt sich in Deutschland so leicht aktivieren, wie die Vorstellung vom aggressiven russischen Bären. Sobald das Land in internationale Spannungen verwickelt ist, verfallen wir schnell in ein plattes Schwarz-Weiß-Schema. Die Russen sind die Bösen, ihre Gegner die Guten. Der Blick weiter Teile unseres politisch-medialen Komplexes auf die aktuelle Ukraine-Krise steht in dieser Tradition. Schon vor hundert Jahren nutzte das Hohenzollernregime die Legende vom aggressiven russischen Panslawismus, um dahinter das eigene Machtstreben zu verstecken und den Ersten Weltkrieg zu entfachen. Jahre später war es die Parole vom "jüdischen Bolschewismus", mit der im Deutschen Reich gegen Russland mobil gemacht wurde. In der Adenauer-Ära ließ die CDU auf einem Wahlplakat eine dunkle, furchterregende Gestalt erklären, dass alle Wege des Marxismus nach Moskau führen. Während des Kalten Krieges wurde dann an jeder Ecke verkündet, die Sowjetunion warte nur auf eine günstige Gelegenheit, um über den Westen herzufallen. So unterschiedlich die politischen Verhältnisse jeweils auch waren, immer wieder wurde mit der angeblich permanent drohenden Gefahr aus dem Osten Stimmung gemacht. Nach und nach entstand eine tiefsitzende Russophobie in vielen Köpfen. Heute heißt der Russe Wladimir Putin. Natürlich sieht der Westen in ihm den alleinigen Verursacher der Ukraine-Krise. Der Kreml-Chef ist in den vergangenen Monaten zum politischen Dämonen schlechthin erklärt worden. Er wird uns als instinktgetriebener Primitivling, als ein Hasardeur präsentiert, der Russlands alte Größe wiederherstellen will - koste es, was es wolle. Angeblich ist ihm alles zuzutrauen. Egal was er macht, es gilt als suspekt. Schickt er einen Hilfskonvoi Richtung Ost-Ukraine, kann das nur ein getarnter Waffentransport sein. Wird ein malaysisches Flugzeug über den umkämpften Gebieten abgeschossen, kann dahinter nur Putin stecken. Zwar ist bisher nichts bewiesen. Aber so kleinlich brauchen wir nicht zu sein. Was die Regierung in Kiew und die US-Administration behaupten, wird schon stimmen. Sie sind ja die Guten in dieser Geschichte. Und Gute sagen nur die Wahrheit. Was Putin hingegen verbreiten lässt, sei nichts als Propaganda. Geistig leben wir offensichtlich wieder in Schützengräben. Die mentale Mobilisierung ist so weit fortgeschritten, dass jede differenziertere Analyse des Ukraine-Konflikts umgehend in den Verdacht gerät, das hohe Lied auf Putin singen zu wollen. Dabei gilt: Natürlich ist Putin kein lupenreiner Demokrat. Aber die Oligarchen-Regierung in Kiew gehört ebenfalls nicht zu den Blüten einer demokratischen Kultur. Natürlich zieht es viele Ukrainer in die EU. Andere hingegen fühlen sich deutlich stärker Russland verbunden. Natürlich betreibt Putin in der Ost-Ukraine Machtpolitik. Das Gleiche gilt jedoch für die USA. Ihr geht es um die gewaltigen Erdgasreserven der Ost-Ukraine und um eine weitere Ausdehnung der Nato. Letzeres aber ist genau der Punkt, den Putin fürchtet. Polen, Tschechien, Bulgarien, Rumänien und die baltischen Staaten haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten friedlich die russische Einflusssphäre verlassen können und sind - trotz anderslautender Zusicherungen - von der Nato aufgenommen worden. Doch mit dem Versuch des Westens, die Ukraine in sein Lager zu ziehen, war für Putin eine rote Linie überschritten. Der Westen hätte das sehen und akzeptieren müssen. Doch statt auf eine Kompromisslösung zu drängen, die den russischen Sicherheitsinteressen und dem innenpolitisch hochkomplexen Charakter der Ukraine Rechnung trägt, unterstützte er nahezu bedingungslos die Regierung in Kiew. Inzwischen scheint vieles vergessen zu sein, was Voraussetzung für ein friedliches Miteinander in Europa ist. Permanent wird an der Eskalationsschraube gedreht. Auch vom Westen. Längst stehen wir dank der Sanktionspolitik am Rande eines Wirtschaftskrieges. Dabei waren intensive Handelsbeziehungen in der Vergangenheit stets ein Garant dafür, dass sich Länder aufeinander zubewegten und gewaltsame Konflikte vermieden. Mit wildem Eifertum, Rechthaberei oder gar dem Militär wird sich der Konflikt um die Ukraine nicht lösen lassen. Nötig ist eine Rückkehr zur Realpolitik. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, sich in die Position der anderen Seite hineinversetzen zu können. Vorurteile, Ressentiments und das Spiel mit Feindbildern sind dabei wenig hilfreich.

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