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NRZ: Kommentar: Die Piraten - Wohlfühlpartei 2.0 von JAN JESSEN

Essen (ots) - Die Piratenpartei hört einfach nicht auf, erfolgreich zu sein. Bundesweit liegt sie jetzt in Umfragen knapp hinter den Grünen, in NRW hat sie allerbeste Chancen in den Landtag einzuziehen. Eine Partei, die auf die allermeisten politischen Fragen keine konkreten Antworten hat und mit dieser Planlosigkeit sogar kokettiert. Eine Partei, die selbst auf ihrem ureigensten Politikfeld, der Netzpolitik, ausgesprochen vage bleibt. Kein Wunder, dass die etablierten Parteien den Erfolg der Piraten als irgendwie unheimlich empfinden. Dabei ist das Phänomen eigentlich ganz einfach erklärt: Die Piratenpartei ist eine kuschelige Wohlfühlpartei. Noch mehr, als es die Grünen zu ihren besten Zeiten - also Mitte vergangenen Jahres - waren.

Die Piraten sind gegen das politische Establishment. Das ist heute gefühlt fast jeder, weswegen man mit so einem Ansatz schon mal wenig falsch machen kann. Sie sind ein bisschen links, ein bisschen liberal, ein bisschen konservativ, ein bisschen öko. Je nach Thema, aber nie so, dass man sich wirklich stoßen könnte. Scharfe ideologische Kanten sind nicht mehr zeitgemäß, deswegen mögen die Bürger schließlich auch die Kanzlerin so.

Die Piraten sind außerdem für mehr Bürgerbeteiligung und für mehr Transparenz, auch das passt gut in die Zeit. Beteiligen wollen sich alle, die meisten aber möglichst ohne große Anstrengung. Das Internet, der Geburtsort der Piraten, ist dafür wie geschaffen. So einfach wie heute war Ablasshandel noch nie. Um das Gewissen in den Wohlfühlmodus zu schalten, reicht es, auf einer sozialen Netzwerkseite den Gefällt-mir-Knopf zu drücken und schon ist man Teil einer Bewegung, die wahlweise für ein Ende der Massentierhaltung oder die Unterstützung der arabischen Revolutionen agitiert.

Nicht zuletzt bieten die Piraten eine gute, weil medienwirksame Show. Verpackung vor Inhalt, Politik als Entertainment: den Boden dafür haben die etablierten Parteien bereitet, gegen die die Piraten jetzt so erfolgreich Wahlkämpfe machen.

Ist der Erfolg der Piraten also ein Zeichen für den Niedergang des Politikbetriebs? Nein. Sie aktivieren Menschen, die ansonsten nicht wählen gehen. Sie regen die etablierten Parteien an, über mehr Demokratie nachzudenken. Sie bringen frischen Wind in diesen muffigen Betrieb. In dem werden sie sich trotz aller inhaltlicher Lücken bald selbst etablieren, wie es scheint. Abwarten, was dann von ihrem Charme übrig bleibt.

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