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Westfalenpost: Weihnachten hat nichts verloren von seiner Kraft
Kommentar von Torsten Berninghaus

Hagen (ots) - Wenn heute Abend die Kerzen entzündet sind am Christbaum, dann ist es geschafft. Dann zählen Vernunft und Pragmatismus nicht mehr. Denn Weihnachten bedeutet eine Auszeit aus einer rationalen Welt. Einer Welt, die selbst dieses christliche Hochamt mit buntem Lichterglanz und übervollen Einkaufspassagen kommerzialisiert. Haben wir etwa verlernt, Weihnachten zu feiern? Ich glaube nicht. Die dreitägige Auszeit, in der (fast) alles ruht, lässt uns mit all ihrer Wärme, dem Trost und der Hoffnung auftanken. Weihnachten hat nichts verloren von seiner großen, seiner menschlichen Kraft. Das lässt sich nur mäßig messen an den Gaben und Spenden für Bedürftige in aller Welt. Viel entscheidender sind die kleinen Momente, die ganz persönlichen Erlebnisse der Mitmenschlichkeit. In Burbach zum Beispiel, wo in diesem Jahr Hunderte gestrandet sind im Flüchtlingsheim, feiern sie bereits den gesamten Advent über Weihnachten. Glaubensrichtungen spielen dabei keine Rolle. Muslime singen mit Orthodoxen; gemeinsam lauschen sie dem Posaunenchor, der "Tochter Zion" anstimmt. Und obwohl nur wenige Flüchtlinge dieses Lied kennen dürften, entsteht ein Gefühl der Gemeinsamkeit. Das Zeichen ist eindeutig: "Wir freuen uns, dass Sie hier sind." In diesen Momenten wird ein Satz erlebbar, den Bundespräsident Joachim Gauck im vergangenen Jahr gesagt hat: "Machen wir unsere Herzen nicht eng mit der Feststellung, dass wir nicht jeden, der kommt, in unserem Land aufnehmen können." Recht hat er. Und deshalb ist auch nicht jeder, der dem Zuzug junger Männer aus islamischen Ländern skeptisch gegenüber steht, automatisch ein Rassist. Auf der anderen Seite dürfen wir es trotz dieser Skepsis als Kompliment sehen, wenn Menschen, die der Verfolgung oder der Armut entfliehen, Deutschland als Zufluchtsort wählen. Ihnen mit dem Hinweis zu begegnen, dass Flucht nichts dazu tut, die Verhältnisse in ihrem Heimatland zu ändern, wäre billig - vielleicht sogar zynisch. Wenn im Lukasevangelium die Engel verkünden: "Friede den Menschen auf Erden", dann gilt das nicht nur in Syrien oder Afghanistan, sondern auch hier, mitten in Europa. Dazu kann jeder seinen Teil beitragen. Und deshalb erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an Tuğçe Albayrak. Die junge Lehramtsstudentin war am 15. November zwei Mädchen zur Hilfe gekommen, die in einem Schnellrestaurant von zwei jungen Männern belästigt worden waren. Tuğçe bezahlte ihren Mut mit ihrem Leben. Dieser Fall rührte Deutschland zu Tränen und er löste eine Debatte aus, an deren Ende eine Erkenntnis steht: Zivilcourage braucht Rückendeckung. Dazu gehört eine weltoffene und tolerante Gesellschaft. Eine, die Grenzen überwindet. Das hat uns auch der Astronaut Alexander Gerst nach seinem Aufenthalt im All noch einmal vor Augen geführt. Sein Einsatz 400 Kilometer über der Erde brachte allerlei wissenschaftliche Ergebnisse, vor allem aber die persönliche Erkenntnis, dass man "von dort oben tatsächlich eines nicht sieht: nämlich Grenzen." Gerst kam es grotesk vor, dass sich Menschen auf der Erde bekriegen oder Wälder abbrennen, obwohl wir diese zum Überleben brauchen. Weihnachten ist ein Moment des Innehaltens. Ein Augenblick, in dem der Lärm des Alltags zur Stille wird. Deshalb sollten wir gut zuhören, wenn es in der Weihnachtsgeschichte um die Zuversicht geht. Eine Zuversicht, die die Kraft zu Veränderung in sich trägt.

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