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Westfalenpost: Es sprach: Der oberste Seelsorger der Republik
Kommentar zu Gaucks Weihnachtsansprache von Stefan Hans Kläsener

Hagen (ots) - Wir haben uns schon daran gewöhnt, obwohl es ganz und gar nicht selbstverständlich ist: Wenn der Bundespräsident spricht, dann findet er schon die richtigen Worte. Er hat, in seiner noch nicht zweijährigen Amtszeit, bislang in jeder Situation bella figura gemacht. Und so auch wieder in dieser Weihnachtsansprache, die angesichts der biblischen Bethlehem-Geschichte zu Recht an Not und Elend der Flüchtlinge erinnert. Aber der dreifache Urgroßvater Gauck hat nicht nur unfallfrei seine bisherigen Auftritte hinter sich gebracht und Akzente gesetzt. Er hat vor allem nach innen gewirkt. Dazu verhilft dem Theologen aus Rostock eine Gabe, die selten ist: Er nimmt die Sorgen der Menschen ernst und mahnt sie doch zum Wandel. Beispiel aus der Weihnachtsansprache: Natürlich wisse er, dass Deutschland nicht jeden Flüchtling aufnehmen könne. Aber tut Deutschland genug angesichts seiner wirtschaftlichen Potenz? Diese Gewissenserforschung erspart uns der Bundespräsident nicht, und damit zeigt er sich in der Rolle, in die er sich peu à peu eingearbeitet hat: Er ist längst so etwas wie der oberste Seelsorger der Republik. Ein Mann, dem wir oberhalb des politischen Tagesgeschäfts vertrauen, dem wir unseren Staat anvertrauen. Solche Überhöhung ist nicht ohne Gefahr, weil sie gern in weihevoller Entrückung und dann in Selbstgefälligkeit endet. Auch Gauck ist nicht vor dieser Versuchung gefeit. Aber dass er die richtigen Worte zur richtigen Zeit findet, dafür dürfen wir doch dankbar sein, während sein Amtsvorgänger - halb Täter, halb Opfer - in einem bizarren Prozess um eine Ehre kämpft, die er im Amt nie so recht hatte.

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