Neue Osnabrücker Zeitung

NOZ: Interview mit Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland

Osnabrück (ots) - Deutsche sind weiterhin in Kauflaune

Handel geht von gutem Weihnachtsgeschäft aus - 2,5 Prozent mehr Umsatz im 1. Halbjahr - Verband erwartet starken Anstieg im Lebensmittelhandel per Internet

Osnabrück. Der deutsche Konsum brummt weiterhin. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Mittwoch) sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, nach einem starken Jahresbeginn "sehen wir keine Anzeichen dafür, dass der Einzelhandel nicht auch im restlichen Jahr von Kauflust und hoher Nachfrage profitiert".

Besonders gefragt seien Dinge der persönlichen Ausstattung: Uhren, Schmuck, Parfümerieprodukte. Auch bei Möbeln gebe es Umsatzzuwächse von 4 Prozent und mehr. "Die Menschen wollen sich etwas leisten, und wegen der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt können sie es auch", sagte Genth. Gleichwohl lasse der HDE seine Jahresprognose von plus 1,5 Prozent vorerst unverändert. "Am Ende wird das Weihnachtsgeschäft darüber entscheiden, ob wir ein gutes Jahr hatten oder nicht", sagte der HDE-Chef. Im ersten Halbjahr hätte das Wachstum quer über alle Segmente bei 2,5 Prozent gelegen.

Genth geht davon aus, dass der Online-Handel mit Lebensmitteln in naher Zukunft erhebliche Steigerungsraten erlebt. "Bedarf haben zum einen Menschen in den Innenstädten, die beruflich stark eingespannt sind, oder die ihre Wasserkästen nicht selbst in den dritten Stock tragen wollen oder können." Ferner wirke hier der demografische Wandel verstärkend: "In einem Dorf mit einigen Hundert Einwohnern haben sie nicht einen Frischemarkt, ein Fischgeschäft und dann noch einen Bio-Supermarkt. Dort wird die Internet-Bestellung eine beträchtliche Rolle spielen", erläuterte der HDE-Chef, weshalb er trotz bisher spärlicher Umsätze an eine stark wachsende Bedeutung des Segments glaube. "Man darf sich nicht täuschen", sagte er. "Der Wandel kann auch plötzlich kommen."

Den stationären Handel sieht der Verband trotz steigender Umsätze weiter unter Druck. "Entwarnung kann ich nicht geben", sagte Genth. "Wir sehen bereits seit längerer Zeit in vielen Städten sinkende Kundenfrequenzen." Der Grund liege nicht nur im E-Commerce. "Wir haben auch einen Qualitätswettbewerb zwischen Städten: Wer keinen gelungenen Mix aus Freizeit, Wohnen und Kultur, Dienstleistungen, Gastronomie und Einkauf bieten kann, hat das Nachsehen", erläuterte der Hauptgeschäftsführer. "Drittens aber, und das ist der Hauptgrund, haben wir einen unumkehrbaren demografischen Trend. Wo weniger Menschen leben, wird weniger Einzelhandel sein."

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Handel investiert massiv in WLAN

HDE ruft Bundesregierung zur Abschaffung der Störer-Haftung auf - Verband gibt Kunden-Initiativen zur Stärkung des örtlichen Handels wenig Chancen

Osnabrück. Der deutsche Handel will seinen Kunden den weitgehenden drahtlosen Zugang zum Internet ermöglichen. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Mittwoch) sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, "der Handel investiert gerade massiv in WLAN - auch große Ketten, in deren Filialen bisher kein normaler Netzempfang verfügbar war". Ein Grund sei, dass das Smartphone sich nach Überzeugung des Verbands als Gerät zum Bezahlen ohne Zweifel durchsetzen werde. Parallel sei die Produktinformation auf mobilen Geräten von großer Bedeutung für die Kunden. Der Zugang zum Einzelhandel müsse deshalb "digital barrierefrei" sein, sagte der HDE-Chef.

Genth forderte die Bundesregierung vor diesem Hintergrund auf, die "Störerhaftung" für kabellose Netze abzuschaffen. Diese macht den Betreiber eines Netzes für eventuelle Rechtsbrüche von Surfern verantwortlich. "WLAN trotz dieser gesetzlichen Regelung anzubieten, führt zu unkalkulierbaren Risiken und verhindert den Einsatz vieler Innovationen mit digitaler Technologie", sagte Genth.

Der HDE-Chef rief Einzelhändler dazu auf, der Nutzung des Internets durch ihre Kunden positiv gegenüberzustehen. Kein Händler sollte einen Kunden mehr des Geschäfts verweisen, wenn er Preise auf dem Smartphone vergleiche. "Ich weiß, dass manche Fachhändler es kritisch sehen, aber: Die digitale Welt kann man nicht aussperren", sagte Genth. "Sie muss integriert werden."

Der Handelsverband gibt auch Kunden-Initiativen wenig Chancen, die sich etwa gegen einen Kauf bei Amazon richten und dem örtlichen Handel helfen sollen ("Support your local dealer"). "Ich glaube nicht, dass das funktioniert", sagte Genth. "Der Kunde wird sich immer für das attraktivste Angebot entscheiden. Wenn er eine Kamera für 499 Euro im Internet kaufen kann und für 599 Euro im Geschäft in der Fußgängerzone, wird er nicht 100 Euro mehr ausgeben, damit der Einzelhändler in zwei Jahren auch noch da ist. Das tut kein Mensch." Vielmehr müsse sich ein Händler schon selbst bemühen und sein Konzept immer wieder nachschärfen.

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