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WAZ: Wer unsere Zukunft macht - Kommentar von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Das selbst fahrende Auto, das das größte Risiko des Autofahrens ausschaltet: den Menschen. Die intelligente Uhr, die bald kommt und uns gesünder macht, weil sie misst, ob wir uns genug bewegen und die unser digitales Leben übersichtlicher gestaltet, weil sie jede neue E-Mail ankündigt. Die Vernetzung von Smartphone und Auto, die das Autoradio ersetzt und das Navi. Die Drohnen, die uns bald die neuen Schuhe erst dann zustellen, wenn wir auch wirklich daheim sind. Google, Amazon, Facebook - sie verbessern unsere Welt.

Aber sie geben nicht nur Freiheit, sie nehmen sie auch. Vieles, was sie uns bieten, ist parasitär gewonnenes Gut: Googles Übersetzungsdienst speist sich aus unzähligen Übersetzungen von Menschen, die dafür aber nicht bezahlt werden. Und manches haben wir nicht bestellt, die NSA etwa. Die Überwachungsgesellschaft, der wir uns bei Amazon anvertrauen und der Überwachungsstaat, in den wir gezwungen werden, haben die selben Wurzeln. Das macht die Auseinandersetzung mit dem digitalen Cyber-Leben so schwer.

Der neue Kommissionspräsident Juncker will, was aus Amerika kommt, um uns vollständig zu beherrschen, europäisieren und so zivilisieren. Applaus von Vizekanzler Gabriel, der dem "brutalen Informationskapitalismus die Stirn bieten" will. Allerdings: Wer seinen Feind besiegen will, muss ihn verstehen.

Das Silicon Valley, aus dem alles Neue kommt, ist nicht nur Technologie, sondern: Religion. Der Anspruch der rastlosen Macher ist immer weltumspannend und menschenumfassend. Sie wollen eine bessere Welt bauen, aber ihre Methode ist nicht technokratisch, nicht Stück für Stück, nicht Versuch und Irrtum, nicht skeptisch-europäisch, sondern amerikanisch-revolutionär.

Das heutige Internet kommt von links, sein Urgrund ist die persönlichkeitsbefreiende, staatsverachtende kalifornische Hippie-Bewegung 1968ff. "Diese Unternehmer, Larry Page, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, haben eine Mission, die größer ist als der Kapitalismus."

Das sagt der Internet-Philosoph Lanier, früher Guru, heute Skeptiker, im Spiegel. Wer diese Beglückungsphantasie und den Größenwahn dahinter nicht versteht, wird ihm auch nicht begegnen können.

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