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WAZ: Welt sortiert sich. Leitartikel von Thomas Wels

Essen (ots) - Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass sich die ökonomischen und politischen Gewichte der Welt erheblich verschoben haben, dann hat ihn der Gipfel der wichtigsten 20 Länder in Südkorea erbracht. Wie sehr die Erde bebt, weil sich die tektonischen Platten der Weltwirtschaft verschoben haben, kann man an der absurden Idee der USA ermessen, Obergrenzen für Exportüberschüsse festlegen zu wollen.

Der Vorschlag ist in etwa so, als würde der amerikanische Gesandte im Olympischen Komitee vorschlagen, keine 100-Meter-Läufe mehr zu werten, die schneller sind als der Weltrekord von 9 Sekunden 58. Zwecks Erleichterung. Die erhofften sich die USA auch durch Exportbegrenzung: weil die US-Wirtschaft nicht leistungsfähig genug ist, weil sich die Amerikaner mit einer haarsträubenden Schuldenpolitik selbst betäuben und schwächen. Nein, die USA müssen ihre Probleme schon selbst an der Wurzel packen. Wie im Übrigen auch die Franzosen, die Deutschland ebenfalls Vorwürfe gemacht haben wegen der Exportüberschüsse made in Germany. Kluge Lohnpolitik, hohe Produktivität, gute Ingenieurleistungen - das lässt sich nicht staatlich herunterregulieren.

Das neue Gewicht von China, das in der Tat mit einer unterbewerteten Währung seine Ausfuhren künstlich billig hält, das enorme Wachstum in einigen Ländern Lateinamerikas und die Kraft der europäischen Lokomotive Deutschland relativieren die Stärke der Weltmacht USA. Auf absehbare Zeit bleibt das so, damit bleiben uns auch die Streitereien über unterbewertete und mithin exportfördernde Währungen erhalten. Was nicht ungewöhnlich ist. Als unter US-Präsident Jimmy Carter 1977 der Dollar verfiel, die D-Mark zur Weltwährungsreserve und Deutschland zur ökonomischen Macht wurde, fingen kluge Politiker an, ein Währungssystem zu erfinden. Heute haben wir den Euro. Die neue Debatte über Weltwährungsmechanismen steht erst am Anfang.

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