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WAZ: Was der Fußball lehrt - Deutschland hat gewonnen. Leitartikel von Christopher Onkelbach

Essen (ots) - Aus der Traum. Die deutsche Mannschaft hat verloren. Verloren? Tatsächlich gibt es keinen Grund zu trauern. Denn sie hat gewonnen. Deutschland hat gewonnen. Rundum hat diese Mannschaft ein positives Bild abgegeben, bei ihren Siegen ebenso wie in ihrer Niederlage. Die anderen waren eben besser - jeder der deutschen Spieler gab es offen zu. Sympathisch.

Überhaupt schlägt dem Land eine neue, ungewohnte Sympathie entgegen. Bei einer Befragung in 34 Ländern der Welt schnitt Deutschland kürzlich als das beliebteste aller Länder ab. Erstaunt nehmen wir Inländer zur Kenntnis, wie sich das Bild Deutschlands im Ausland gewandelt hat - erstmals deutlich spürbar 2006. Verblasst ist das Image der beflissenen, pünktlichen, fleißigen, erfolgreichen, aber irgendwie spießigen, langweiligen und großkotzigen Deutschen. Für die berühmten "deutschen Tugenden" werden wir nicht mehr ängstlich verspottet, sondern maßvoll geachtet. Weil sie ihren ideologischen Unterton verloren haben.

Bis hierhin war es ein langer Weg. Wer noch vor 15 Jahren auf die Idee gekommen wäre, eine Deutschlandfahne in seinem Vorgarten zu hissen, hätte sich dem Vorwurf des Nationalismus ausgesetzt. Der unbefangene - nicht unkritische! - Umgang mit der Nation und ihren Symbolen konnte erst möglich werden durch eine ernsthafte und weiter andauernde Beschäftigung mit der Vergangenheit. Auch ausgelöst durch den Unmut, ja die Wut der Nachkriegsgeneration in den 60er- und 70er-Jahren über das Schweigen der Väter und eine restaurative Politik hat sich die Bundesrepublik wie kaum ein anderes Land mit ihrer Geschichte und ihrer Schuld beschäftigt. Dies geschah, auch gegen Widerstände, offen und breit in Kunst, Wissenschaft, Literatur und Politik. So lässt sich eine - unvollständige - Linie ziehen von Brandts Kniefall in Warschau über Grass' Blechtrommel, die Studentenproteste und die Wiedervereinigung bis zum Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Dieses neue, offenere Verständnis von Nation will die NS-Vergangenheit nicht entsorgen. Es baut vielmehr auf der Gewissheit auf, sich deren Ursachen und Folgen gestellt und eine stabile, freie und weltoffene Demokratie errichtet zu haben. Und es belegt die alte Weisheit, dass eine Gesellschaft nur dann eine Chance auf eine gute Zukunft hat, wenn sie sich ihrer Vergangenheit gewiss ist.

So hat Deutschland trotz der Niederlage gewonnen. Bei der WM wurde sichtbar, was Jahrzehnte dauern musste. Auf dem Platz standen übrigens Gomez, Khedira, Trochowski, Özil, Klose und Podolski.

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