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WAZ: Was ein Monat verändern kann. Kommentar von Klaus Wille

Essen (ots) - Was in einem Monat alles passieren kann. Vor einem Monat galt Deutschland noch nicht als das bessere Spanien, und vor einem Monat hat Philipp Lahm sich noch als Kapitän für ein Turnier betrachtet. Doch nichts davon ist am Tag des WM-Halbfinales gegen Spanien noch so, wie es war.

Es beginnt beim Thema Michael Ballack: Durch seinen Ausfall ist der Hierarchie der deutschen Elf die Spitze genommen worden. Ein Turnier produziert immer Gewinner und Verlierer. Ballack gehört, unverschuldet, zu den Verlierern, Lahm zu den Gewinnern. Dass er, nachdem es für seine Interpretation des Kapitänsamts nur Lob und Zustimmung gab, diese Rolle dauerhaft beansprucht, ist legitim, es wird womöglich auch von ihm erwartet. Aber hätte er damit nicht bis zum Montag warten können? Seinen Beigeschmack bekommt der Vorgang durch den Zeitpunkt.

Dazu: Kaum ein Spieler begreift Medien so wie Philipp Lahm. Nicht die Presse hat diesmal seine Äußerungen aufgebauscht, Lahm hat ausgesuchte Zeitungen geschickt benutzt, um sich zu positionieren. Aus seiner Sicht zu einem cleveren Zeitpunkt: Mitten im Turnier kann Bundestrainer Joachim Löw seinen neuen Kapitän nicht zurückpfeifen. Und sich kaum zu einem klaren Bekenntnis zu Michael Ballack durchringen. Wobei viel dafür spricht, dass Löw insgeheim Lahms Meinung teilt.

Und: Man muss sich keine Sorgen machen, dass der Fall Ballack große Unruhe ins Team tragen wird. Die Mannschaft, das ist der Eindruck, steht geschlossen hinter Lahm. Was wohl einerseits viel mit den neuen, naturgemäß noch etwas flacheren Hierarchien um Lahm und Schweinsteiger zu tun hat. Und andererseits mit offenen Rechnungen.

Zum Glück hat sich in den vergangenen vier Wochen noch eine Menge mehr getan. Deutschland hat bei dieser WM begeistert wie keine andere Nation, es steht plötzlich nicht mehr nur für kalte Effizienz, sondern es verknüpft Hingabe und großes taktisches Können mit einem Fußball, der Flügel verleiht.

Vor zwei Jahren, in der Nacht, als Deutschland das EM-Finale 0:1 gegen Spanien verloren hatte und damit noch bestens bedient war, stand nur der Sieger für einen Spielstil, der Ballbesitz mit Technik und offensiver Kreativität verbindet. Joachim Löw hat das als Blaupause genutzt und uns alle zum Staunen gebracht: Deutschland gilt nach vier Wochen WM als das bessere Spanien. Man kann das nicht hoch genug bewerten. Auch wenn sich das Vorbild heute Abend vielleicht noch einmal durchsetzen sollte.

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