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WAZ: Die Alten, die Jungen und die Politik - Wenn die Babyboomer in die Jahre kommen - Leitartikel von Birgitta Stauber-Klein

Essen (ots) - Es ist ganz natürlich. Wer jung ist, an seiner Karriere bastelt, Kinder bekommt, denkt nicht an die schmerzende Hüfte, die ihm einige Jahrzehnte später das Leben zur Hölle machen kann. So wie der CDU-Jungpolitiker Philipp Mißfelder, der vor einigen Jahren mit seiner Forderung, über den Sinn von künstlichen Hüftgelenken für 85-Jährige nachzudenken, einen Sturm der Entrüstung unter den Älteren ausgelöst hatte. Übelst beschimpft wurde 2008 auch der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn, nachdem er eine Rentenerhöhung kritisiert hatte. Ein Jahr später setzte die Große Koalition den dämpfenden Riesterfaktor bei der Rente aus - mit der Folge, dass die Bezüge trotz Krisenjahr abermals stiegen. Die Solidargemeinschaft ist ein hohes Gut, vielleicht das entscheidende unserer Gesellschaft. Damit spielt man nicht, sondern stärkt es im Zweifel. Diese Lektion haben Mißfelder & Co. wohl verstanden. Die Frage ist: Gilt das nur für den Schutz der Rentner? Oder auch für die Jungen, die den Wohlstand einer alten, geschrumpften Gesellschaft aufrecht erhalten sollen? Roland Koch jedenfalls nimmt kein Blatt vor den Mund und kratzt an den Geldtöpfen für Kinder, Jugendliche und Forscher. Das ärgerte zwar seine CDU-Parteifreundin, Familienministerin Kristina Schröder. Auch die Bundeskanzlerin besteht auf der Vorfahrt für Bildung und Forschung. Doch statt eines Schwalls der Entrüstung erntet Koch anerkennende Worte für seinen Instinkt, mit dem er sich nach der für die CDU desaströsen NRW-Wahl in Szene setzt. Oder ihm wird nachgesagt, er mache sich den drohenden Generationenkrieg zunutze, wobei er natürlich auf die Macht der Älteren setze. Wie auch immer: Koch verharmlost die Folgen des dramatischen Bevölkerungsschwunds (der im Übrigen nicht mehr aufzuhalten ist); und Studien weisen darauf hin, dass er damit den Nerv vieler Älterer trifft. Wer angesichts mangelnder Lebenserwartung keine nennenswerten Kredite mehr bekommt, wer so im Hier und Jetzt lebt wie so manche Senioren, mag sich die Not im Jahr 2050 nicht vorstellen können - wenn die Leistungsträger fehlen, die eine gut funktionierende Wirtschaft braucht. Wenn die Generation Babyboomer alt ist, aber niemand da ist, der sich um sie kümmert. Was hilft, auch das zeigen Studien, ist, die Generationen zusammen zu bringen. Wenn der familiäre Zusammenhalt wächst, wächst auch die Bereitschaft, über den eigenen Horizont hinaus zu schauen. Wer einseitige Forderungen aufstellt wie Roland Koch, praktiziert das Gegenteil.

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