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WAZ: Ausweg aus der Armut: Bildung - Die Eintrittskarte in die Gesellschaft. Leitartikel von Sigrid Krause

    Essen (ots) - Wann ist ein Kind arm? Wenn es kein Taschengeld bekommt? Wenn es nicht mit dem neuen Nintendo spielt oder keine Reitstunden bekommt? Wenn es die Sommerferien nicht auf der Finca am Mittelmeer verlebt, sondern - bestenfalls - bei der Oma am Halterner Stausee?

      "Armut" in Deutschland hat viele Gesichter. Für die einen beginnt
sie bereits, wenn das Einkommen nicht mehr reicht für lieb gewordene
Gewohnheiten oder den kleinen Luxus zwischendurch. Für andere
bedeutet sie den ständigen Kampf ums Überleben mit dem
"Existenz-Minimum": 347 Euro im Monat - maximal. Kinder, sagt das
Gesetz, kommen mit viel weniger aus. Das sind Beträge, die andere
locker an einem Abend beim Edel-Italiener ausgeben.

      Doch Geld ist nur ein Kriterium, die Armut zu messen. Oder die
Chance, dass ein Kind einmal ein anderes Leben führen kann als seine
Eltern. Auch der Taxi-Fahrer kann finanziell arm sein, so wie die
Supermarkt-Kassiererin oder die Putzfrau. Wenn sie Bücher lieben,
Bildung schätzen und alle Wege nutzen, ihrem Kind Zugang zum Lernen
und zur Kultur zu öffnen, muss sich Armut trotz aller finanziellen
Engpässe nicht über Generationen vererben.

      Eine gute Bildung ist die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft.
Mit Recht schlägt die CDU-Familienministerin erneut Alarm. Es geht
darum, wie diese Gesellschaft in 20, 30 Jahren aussehen soll. Schon
heute gibt es Stadtteile im Ruhrgebiet, in denen die Armut sichtbar
ist. Mehr als jedes zweite Kind ist ausländischer Herkunft; sie sind
doppelt so stark von Armut bedroht wie deutsche Familien, ihre Kinder
besuchen häufiger Haupt- und Sonderschulen als deutsche Kinder,
brechen häufiger die Schule ab.

      Welchen Platz in der Gesellschaft werden diese Kinder in 20
Jahren haben? Werden wir sie auf der Düsseldorfer Kö treffen? Unter
der Rheinbrücke? Oder hinter Gittern?

      Eltern, die nie erfahren haben, was gute Bildung wert ist, werden
sie auch nicht für ihre Kinder anstreben. Hier muss der Staat
eingreifen - nicht durch ein paar Euro mehr für alle, sondern durch
gezielten Einsatz der Mittel. Müttern und Vätern den Rücken
freizuhalten, damit sie den Lebensunterhalt selbst verdienen können,
ist ein wichtiges Ziel. Kostenlose, gute Kinderbetreuung,
Ganztagsschulen, ein warmes Mittagessen oder eine komplette
Schulstart-Ausrüstung sind ebenso gut. Wenn die Ministerin es
schaffen sollte, das notwendige Kleingeld dafür zu besorgen, wäre
viel erreicht im Kampf gegen Armut.

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