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BERLINER MORGENPOST: Die Helfer für das Comeback des Atomprotests - Leitartikel

Berlin (ots) - Eine Sache vorweg: Es war eine sehr kluge Entscheidung der frisch gekürten Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, nicht auch noch ins Wendland zu fahren. Es reichte, dass ihre Parteikollegen Cem Özdemir, Claudia Roth und Jürgen Trittin dort Präsenz zeigten. Ohnehin wird das Thema Atomkraft Renate Künast und den Grünen in den kommenden Monaten in die Karten spielen. Dazu bedarf es keines weiteren Fotos mit Trecker und Anti-Atomkraftsonne. Das geht auch so. Dafür haben Union und FDP mit der umstrittenen, auf jeden Fall aber katastrophal kommunizierten Aufkündigung des Atomkonsenses gesorgt. Ein Thema, mit dem sich bis zum vergangenen Frühjahr kaum noch ein Hund hinter dem Ofen hervorlocken ließ, emotionalisiert jetzt erneut nicht nur die üblichen Verdächtigen zur Linken des parteipolitischen Spektrums, sondern bis weit ins bürgerliche Lager hinein. Man konnte das schön beobachten im Wendland, wo zunächst Kleinfamilien zu Hunderten über den Protestacker marschierten und Fähnchen schwenkten. Grün und Gelb war da die dominierende Farbe, Rot, auch das ein Signal, war kaum zu sehen. Dafür war die "Piratenpartei" vor Ort, mit der sich frühere, an Bürgerrechten orientierte FDP-Klientel inzwischen recht wohl fühlt. Wollte man es zuspitzen, dürfte man ruhigen Gewissens behaupten, dass Herr und Frau Wechselwähler unter den friedlichen Atomkraftgegnern die Mehrheit hatten. Denen, das weiß man ja auch nicht erst seit Stuttgart 21, darf man umstrittene Themen gerne ein bisschen ausführlicher erläutern, ehe man entscheidet. Man weiß zwar nicht so ganz genau, wer sich in dieser Übung wie stark engagiert hat bei Union und Liberalen. Fakt ist aber, dass bei vielen Menschen der Eindruck entstanden ist, die schwarz-gelbe Regierung habe sich in diesem Punkt mit den Energiekonzernen verbrüdert. Auch weil die Atommanager ihren Erfolg keineswegs dezent genießen, sondern bei jeder sich bietenden Gelegenheit selbstgefällig damit protzen. Auf einem mit vielen, auch irrationalen, Ängsten besetzten Politikfeld war die Atom-Entscheidung eine kaum wieder gut zu machende Unterlassungssünde. Man wird da noch dran zu knabbern haben. Denn auch das steht fest: An Gorleben als einziger zu erkundender möglicher Endlagerstätte wird Schwarz-Gelb auf Dauer nicht festhalten können. Vergleichsmöglichkeiten sind bei schwer wiegenden Entscheidungen Voraussetzung für Qualität und Akzeptanz. Ein Teil der Union, immerhin, hat bereits eingesehen, dass das auch für die Endlagerfrage gelten muss. Es wird Zeit, dass der andere, dass vor allem auch die Kanzlerin folgt. Das wäre im Übrigen auch ein Dienst an den Polizisten, die gestern wieder einmal ihren Kopf hinhalten mussten. Was sich Familienväter, zum Teil auch sehr, sehr junge Beamte an diesem langen Tag im Wendland anhören und antun mussten, ist eine Schande. Den Initiatoren des Wendland-Protests bräche wahrhaft kein Zacken aus der Krone, das einmal öffentlich und klar anzuerkennen.

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