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BERLINER MORGENPOST: Kommentar zu den zweifelhaften Methoden von "Tatort Internet"

Berlin (ots) - Kindesmissbrauch ist ein so wichtiges Thema, das von dem, der es journalistisch aufarbeitet, höchste Sensibilität verlangt. Dass es bei einem Boulevardsender wie RTL2 denkbar schlecht aufgehoben ist, hätte man sich denken können. In welch eklatanter Weise der Sender mit "Tatort Internet" journalistische Standards missachtet, überrascht dennoch. Da werden Verdächtige nicht ausreichend anonymisiert. Und als den Machern der Sendung der Leiter eines Kinderdorfs ins Netz ging, unterrichteten sie darüber nicht etwa die Jugendeinrichtung, sondern ließen den Beitrag bis zur Ausstrahlung fünf Monate liegen. Es macht die Sache nicht besser, dass RTL2 nun versprochen hat, Arbeitgeber von Kinder- und Jugendeinrichtungen vorab zu informieren, sollten sie bei ihren Recherchen auf Mitarbeiter ihrer Institutionen treffen. Denn es sind nicht nur handwerkliche Fehler, wegen der "Tatort Internet" ein völlig verunglücktes TV-Experiment ist. Das gesamte Konzept der Sendung ist fragwürdig: Mutmaßliche Pädophile werden von der Redaktion von "Tatort Internet" animiert, Kontakt zu einer angeblich 13-Jährigen aufzunehmen. Man könnte so etwas Anstiftung zum Missbrauch nennen. Das wäre eine Straftat. Schon die Herbeiführung einer verlockenden Situation reicht nach deutschem Recht aus, um sich strafbar zu machen. Die Männer, die in der Sendung gezeigt werden, müssen sich vor einer Journalistin rechtfertigen. Das war es dann aber auch schon. Dafür, dass sie sich mit dem weiblichen Lockvogel von "Tatort Internet" getroffen haben, sind sie strafrechtlich nicht zu belangen. Was also soll das Ganze? Dass die Sendung einen nennenswerten Aufklärungseffekt habe, wird von Praktikern wie Günter Maeser, Leiter Netzwerk-Fahndung im Bayerischen Landeskriminalamt, bestritten. Auch eine abschreckende Wirkung dürfte "Tatort Internet" kaum haben. Kein Pädophiler dürfte wegen der Sendung von seinem Tun lassen. Es ist allenfalls zu erwarten, dass der eine oder andere künftig vorsichtiger vorgeht. So funktioniert "Tatort Internet" wie die meisten Sendungen auf RTL2: Es geht ausschließlich darum, den Voyeurismus der Zuschauer zu befriedigen. Rätselhaft bleibt, warum die bisher gut beleumundete Stephanie zu Guttenberg, die sich schon seit Langem für den Kinderschutz engagiert, diese fragwürdige Produktion mit ihrem Auftritt adelte. Dass RTL2 nicht unbedingt für Qualitätsfernsehen steht, war schon vor der Ausstrahlung von "Tatort Internet" bekannt. Offenbar wird die Ministergattin nicht gut beraten. "To Catch a Predator", das amerikanische Vorbild von "Tatort Internet", wurde übrigens abgesetzt. Ein von der US-Sendung ausfindig gemachter Verdächtiger erschoss sich. Der von "Tatort Internet" vorgeführte Kinderdorfleiter wird noch immer vermisst. Eine Absetzung des RTL2-Formats wäre also nur konsequent.

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