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Berliner Morgenpost: Winnenden und der Schutz unserer Kinder - Leitartikel

    Berlin (ots) - Vielleicht werden wir uns entscheiden müssen, um solche Stunden der Hilflosigkeit zu vermeiden. Stunden, in denen der Bundespräsident wieder Trost spenden soll, den es nicht geben kann für Familien, deren Kinder getötet wurden, einfach so. Stunden, in denen man wieder pflichtgemäß beginnt zu debattieren, ob man denn genug gelernt habe aus dem Amoklauf von Winnenden. Ob die Politik, ob die Polizei, ob die Schützenvereine, die Justiz, ob die Gesellschaft insgesamt Konsequenzen gezogen hat in ausreichendem Maße. Und wie der Bundespräsident dürfen wir alle feststellen, nein, es gibt noch immer keine Garantie, dass sich so etwas nicht wiederholt. Man braucht dazu gar keine Statistik. Wer sich umsieht, wer den Umgangston kennt, der auf unseren Schulhöfen, viel zu häufig auch in unseren Wohnzimmern herrscht, der ahnt, dass das, wozu wir eigentlich verpflichtet wären, nicht gelingen kann. Schon gar nicht von heute auf morgen, von vergangenem Jahr auf dieses. Man sollte den Menschen nichts vormachen. Schulen, Kindergärten, Unis auszubauen zu Hochsicherheitstrakten, in denen es zugeht wie in der Abfertigungshalle eines Flughafens - das ist unmöglich. Das will auch kein Mensch. Was für Charaktere sollen sich denn ausbilden in solchen Lerngefängnissen? Freie? Fröhliche? Und mit jedem Schritt, den man nicht tut, mit jeder Sicherheitsmaßnahme, die man verwirft, wächst die Gefahr, dass doch wieder etwas passiert. Doch wir sollten uns dazu entscheiden, uns nichts vorzumachen in dieser Beziehung. Die Kinder und Familien stehen unter einem besonderen Schutz in unseren zivilisierten Gesellschaften. Die allermeisten wissen das, die allermeisten spüren das und versuchen das ihre zu tun, um diesem Auftrag gerecht zu werden. Eltern tun buchstäblich alles für ihre Kinder, mischen sich ein, reden mit, debattieren, den Blick zuweilen sehr eingeschränkt auf den eigenen Nachwuchs, aber doch, am Ende, auch das Ganze im Auge. Auch die Verkäuferin beim Schlachter in Pankow reicht Kindern noch immer eine Scheibe Wurst über den Tresen, und noch in den elendsten Kiezen kann man beobachten, wie sonst üble Haudraufs den Steppkes einen Tipp geben, ihnen über das Haar streichen, und man wundert sich. Es ist schon in uns. Wir dürfen es nur nicht verschüttgehen lassen. Und wir dürfen uns fragen, kinderliebe Gesellschaft, die wir sein wollen: Warum, zum Kuckuck, gehen wir immer noch so sorglos um mit legalen wie illegalen Waffen? Warum erteilen wir in einer Welt, in der es ausreichend Gelegenheit gibt, Schießsport virtuell auszuüben - mit allem drum und dran, was man sich auch wünscht, besser als jeder Schießstand - warum erteilen wir da noch Genehmigungen, Waffen privat zu besitzen? Aus Spaß. Ohne jeden Nutzen. Weil man sie sammelt, weil man sie toll findet. Kein Schützenverein müsste schließen, wenn seine Sportgeräte gesichert verwahrt und nur unter vier Augen zugänglich wären. Ja, wir sollten uns entscheiden, diesen Unsinn zu beenden. Als Zeichen für unsere Kinder, für unsere Familien.

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