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Berliner Morgenpost: Die Koalition braucht jetzt die Kanzlerin - Kommentar

Berlin (ots)

Wir schwimmen. Machen wir uns nichts vor: Die feste
Basis haben wir längst verloren. Was ist noch gerecht? Der Hatz 
IV-Satz? Die Besteuerung der Mittelschicht? Das Gesundheitssystem? 
Der Ankauf von geklauten Steuersünderdaten? Jeder, der mit sich und 
anderen ehrlich ist, weiß: Keines dieser Themen ist ohne 
Benachteiligungen, Härten und Opfer zu lösen. Die Frage ist also 
nicht nur "Was sollte man richtigerweise tun?" Sie lautet auch: "Wie 
überzeuge ich die Mehrheit, das Richtige auch mitzumachen - selbst 
wenn man Opfer bringen muss?"
Das Ärgerliche ist: Zumindest letzteres sollte nach dem großen 
Regierungswechsel im Herbst kein Problem sein. Die Mehrheit hat mit 
Union und Liberalen ein klares politisches Programm gewählt. Eine 
starke Regierung würde dieses Mandat nutzen. Um Überzeugung zu 
stiften für ihre Projekte. Doch spätestens seit dem Karlsruher Urteil
zu Hartz IV ist deutlich: Das neue Team regiert das zunehmend 
verunsicherte Land ohne echte Richtungsweisung. Auf die nun 
höchstrichterlich gestellte Grundsatzfrage nach dem gerechten 
Anspruch des Einzelnen an den Sozialstaat erntet der Wähler von 
Vizekanzler Westerwelle ein schrilles "Achtung: Sozialismus!" und die
Vorhaltung spätrömischer Dekadenz-Reflexe. Sollen das tatsächlich die
Richtlinien der deutschen Politik 2010 sein?
Legt man ein Ohr an die politische Debatte des Landes, die 
Reaktionen, die Umfragen, dann muss man feststellen: 
Überzeugungskraft sieht anders aus. Und es drängt sich ein altes 
Gefühl wieder auf: Gerade jetzt käme es auf die Kanzlerin an. Das 
Diktum der Verfassung lautet "Richtlinien bestimmen" - und jetzt wäre
es in der Tat einzulösen.
Der wichtigste Grund ist: Eine Gesellschaft kann auf Dauer nicht als 
soziale Dampfmaschine geführt werden, bei der man die Technokraten 
der Verbände mal hier an den Rädchen der Zuwendungen drehen, mal dort
ein Ventilchen zum Dampfablassen öffnen lässt. Was zählt, ist die 
Selbstheilungskräfte jedes Einzelnen zur Entfaltung zu bringen. Die 
Liberalen haben diese Einsicht in den Jahren der Opposition zwar 
überzeugend zu einer Argumentationslinie verdichtet - und damit die 
letzte Wahl verdient gewonnen. Zum "Durchregieren" reicht das 
allerdings nicht.
Der zweite Grund: Gerade das wichtige Projekt einer neuen 
Freiheitlichkeit braucht zur Entfaltung einen überzeugenden und die 
Gesamtgesellschaft erfassenden Werterahmen. Er muss tragen, was an 
Umbau, Fortschritt und eben auch Erschwernis zu stemmen sein wird - 
auch über Gruppeninteressen hinweg.
All dies ist das politische Urterrain der Union. Niemand könnte aus 
seiner Tradition heraus so überzeugend die Anpack-, wie die Opfer- 
und Solidaritätsreflexe unserer Gesellschaft fördern, wie sie. Doch 
die Union bleibt blass - in ihren Inhalten ebenso wie in den 
Umfragen. Nun war nach Mutti zu rufen auch im Kinderzimmer noch nie 
besonders statusfördernd.
Doch sie ist nun mal die Kanzlerin - auf sie käme es also jetzt an.

Pressekontakt:

Berliner Morgenpost

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell

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