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Lausitzer Rundschau: Organspende im Zwiespalt Man wird über eine Reform der Reform nachdenken müssen

Cottbus (ots) - Die Erklärungen sind so rührend wie hilflos. Vertrauensverlust durch die Organspendeskandale des Jahrs 2012 sei der Grund für den drastischen Rückgang der Spendenbereitschaft in Deutschland, heißt es. Wenn das stimmt, müsste die Lage ja mit zeitlichem Abstand immer besser werden. Wird sie aber nicht. Nur noch 876 Spender im letzten Jahr, das ist ein fast schon historischer Tiefststand. Über 11 000 Patienten stehen auf der Warteliste für Niere, Herz oder Leber. Rund 1000 sterben jährlich, weil die Hilfe für sie zu spät kommt. Und dennoch sind die grundsätzlich durchaus spendenbereiten Deutschen entweder so hartherzig oder so faul oder so misstrauisch, dass sie das kleine Kärtchen nicht ausfüllen. Wahrscheinlich alles gleichzeitig. Da wird jedes Argument gesucht, dass einem moralisch das Nein irgendwie erleichtert. Oder die eigene Nichtbefassung mit dem Thema, die Nicht-Entscheidung. Kopf in den Sand. Also jetzt die Organspendeskandale, die wenigen Einzelfälle, die es gab. Das ist emotional absolut verständlich. Niemand beschäftigt sich zu Lebzeiten gern mit seinem eigenen Tod. Und die Vorstellung, ausgeweidet zu werden wie ein Ersatzteillager, ist vielen unerträglich. Emotio siegt über Ratio. Deutschland hat bei der letzten Reform des Transplantationsgesetzes 2012 aber erneut genau auf diese Ratio, auf den Verstand, gesetzt. Nur wer zu Lebzeiten zustimmt, ist Spender. Alle Bürger sollen aktiv angesprochen werden und sich freiwillig entscheiden. Das Gegenmodell, praktiziert in vielen Ländern, ist die Widerspruchsregelung: Wer nicht zu Lebzeiten Nein sagt, gilt automatisch als Ja-Sager und also als Spender. Sie wurde im Bundestag verworfen. Nun läuft die Werbekampagne des Gesundheitsministeriums erst wenige Monate. Und noch haben nicht alle von ihren Krankenkassen einen Brief mit der Aufforderung bekommen, den Ausweis auszufüllen. Insofern muss tatsächlich noch etwas gewartet werden, ob die Reform wirkt. Aber allzu lange darf es nicht dauern, weil die Kranken nicht warten können. Wenn die Spenderzahlen nicht spätestens in ein, zwei Jahren wieder nach oben gehen, wird man über eine Reform der Reform nachdenken müssen. Wenn man schon nicht den großen Schritt zur Widerspruchslösung wagt, dann muss man zumindest das Wegducken schwerer machen. Und eine echte Entscheidungssituation für jeden Bürger schaffen, nicht bloß einen freiwilligen Appell. Organspender - Ja oder Nein?

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