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Lausitzer Rundschau: Halb voll oder halb leer? Die Kriminalstatistik geht an der Realität vorbei

Cottbus (ots) - In den Jubelgesang des Bundesinnenministers möchte man nicht unbedingt mit einstimmen. Gewiss, die Statistik spricht vordergründig eine erfreuliche Sprache. Demnach ist die registrierte Kriminalität weiter rückläufig, und die Polizei setzt bei der Aufklärung der Straftaten ihre Erfolge der vergangenen Jahre fort. Kompliment, wenn man bedenkt, dass die Sicherheitsbehörden bei der personellen und materiellen Ausstattung von ihren Dienstherren nach wie vor äußerst knapp gehalten werden. Aber die meisten Zahlen sind interpretierbar, wie das halb volle oder halb leere Glas. Nur bei einzelnen Delikten, bei denen man annehmen kann, dass sie vom Betroffenen regelmäßig und zuverlässig angezeigt werden, lässt sich von der Statistik auf die Realität schließen - dies betrifft etwa Wohnungseinbrüche, Raubüberfälle und Autodiebstähle. Ansonsten sind die Erhebungen bestenfalls in der Lage, auf Tendenzen hinzuweisen. Schon gar nicht tragen sie dazu bei, das subjektive Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu erhöhen. Ein Prozent weniger Straftaten 2009, wer fährt deshalb schon beruhigter abends Bus oder Bahn? Es gibt eben nicht ein Prozent weniger Angst. Dass das subjektive Gefühl vieler Bürger nicht der statistischen Lage entspricht, hat Minister de Maizière gestern selbst einräumt. Leider hat er unbeantwortet gelassen, warum das so ist, und was man dagegen tun kann. Die Angst, Opfer einer Gewalttat zu werden, ist augenscheinlich sogar weiter gestiegen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Medien greifen schlimme Fälle, wie jetzt beispielsweise den Mord an einem jungen Mann in der Hamburger U-Bahn, viel häufiger auf. Auch ist das Miteinander unverkennbar aggressiver geworden. Das kann man der von Sparmaßnahmen gebeutelten Polizei nicht ankreiden. Allein die Verlagerung vieler Taten ins fast unkontrollierbare Internet macht die Arbeit der Beamten schwieriger. Und gefährlicher ist der Job auch geworden, weil Gewaltbereitschaft und Brutalität gewachsen sind. Die Politik ist es, die darauf reagieren muss, anstatt sich hinter statistischen Erfolgen zu verschanzen. Aber wie? Im Kern kann es nur darum gehen, die Prävention zu verstärken, um kriminelle Karrieren zu verhindern. Gerade Jugendliche brauchen Perspektiven. Es benötigt engagierter Schulen und Vereine, die mit der Polizei und der Justiz zusammenarbeiten, um gefährdete Jugendliche aus der Isolation herauszuholen. Nur: Mehr Polizei und mehr Sozialarbeit - das wird in Zeiten desolater Kassen wahrscheinlich genau nicht geschehen. Und deshalb ist es keine gewagte Prophezeiung, zu sagen, dass die Statistiken von Minister de Maizière morgen schon ganz anders aussehen können.

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