Wissenschaftliches Institut der AOK

Ausgabenexplosion im Arzneimittelmarkt des ersten Quartals 2001

    Bonn (ots) - Aktuelle Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der
AOK (WIdO) belegen, dass die vorgesehene Abschaffung des
Arzneimittelbudgets die Beitragssätze in der Gesetzlichen
Krankenversicherung gefährdet.
    
    Bonn. Im ersten Quartal 2001 hat allein die Ankündigung, die
Budgets abzuschaffen, den Arzneimittelmarkt praktisch explodieren
lassen. So zeigen die Daten des GKV-Arzneimittelindex, dass bereits
im ersten Quartal des Jahres 820 Mio. DM mehr in den Apotheken
ausgegeben wurden als im Vorjahr (+8,8%). Gleichzeitig zeigt sich
aber auch, dass unverändert erhebliche Wirtschaftlichkeitsreserven
bestehen. 1,9 Mrd. DM hätten bei gleichem Therapieumfang und gleicher
Therapiequalität in den ersten drei Monaten des Jahres eingespart
werden können. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des
AOK-Bundesverbandes, Dr. Rolf Hoberg, kritisierte vor diesem
Hintergrund den Verzicht auf das Arzneimittelbudget.
    
    Das Wachstum des Arzneimittelmarktes im ersten Quartal von 820
Mio. DM war vor allem bestimmt durch die Verteuerung der
Arzneitherapie. Während die Zahl der Verordnungen um 1,2% sank und
die Preise nur geringfügig anstiegen (+0,7%), verteuerte sich die
durchschnittliche Arzneimittelpackung auf 52,10 DM (+10,1%). Dies sei
möglicherweise ein Hinweis darauf, dass das Gebot der
Wirtschaftlichkeit bei den Verordnern aus dem Blickfeld gerate, wenn
der Druck des Budgets fehle, so Dr. Hoberg.
    
    Die massive Kostensteigerung könne nicht durch einen verstärkten
Einsatz von Spezialpräparaten erklärt werden, die beispielsweise bei
AIDS-Patienten oder in der Onkologie eingesetzt werden. Diese
Präparate verzeichneten im AOK-Markt des ersten Quartals 2001 ein
unterdurchschnittliches Wachstum, gemessen an den
Quartalswachstumsraten der beiden Vorjahre. Dies zeige, dass
offensichtlich kein Nachholbedarf in der Versorgung mit diesen
Arzneimitteln besteht.
    
    Die differenzierte Analyse aller AOK-Arzneiverordnungen des ersten
Quartals bestätigt dieses Bild. Es bestehen nach wie vor erhebliche
Einsparpotentiale, etwa im Bereich der Analogpräparate. So haben die
Verordnungen von so genannten Me-Too-Präparaten (Analogpräparaten)
zugenommen und mittlerweile einen Umsatzanteil von 21,2 % am
Gesamtumsatz des AOK-Marktes erreicht (1. Quartal 2000: 20,0%). Bei
den Me-Too-Präparaten (Analogpräparaten) handelt es sich um neue
Wirkstoffe, die lediglich geringfügige Molekülvariationen bereits
bekannter Wirkstoffe darstellen und gegenüber diesen keinen
therapeutischen Zusatznutzen bringen. Ersetzt man diese Verordnungen
durch therapeutisch gleichwertige, preisgünstigere Wirkstoffe,
ergeben sich erhebliche Wirtschaftlichkeitspotentiale. Dies ist
insbesondere dann der Fall, wenn von einem Wirkstoff, der alternativ
in Frage kommt, ein preiswertes Nachahmerpräparat (Generikum)
angeboten wird.
    
    In einer aktuellen Modellrechnung hat das WIdO die
Einsparpotentiale über alle Produkte des AOK-Marktes des ersten
Quartals 2001 ermittelt und auf die Gesetzliche Krankenversicherung
hochgerechnet. Im Ergebnis konnte festgestellt werden, dass bei einer
Einsparung von 1,9 Mrd. DM der gleiche Therapieumfang und die gleiche
Qualität der Versorgung hätten sichergestellt werden können.
    
    "Wäre auch nur im kleineren Teil der Fälle eine andere
Verordnungsauswahl erfolgt, hätte die Ausgabensteigerung des ersten
Quartals vermieden werden können", so Hoberg. Wenn Wirkstoffe im
ersten Quartal 2001 zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, für die
der Arzneiverordnungs-Report belege, dass die gleiche Qualität der
Therapie deutlich kostengünstiger erbracht werden könne, lägen
offensichtlich Fehlsteuerungen beim Verordnungsverhalten der Ärzte
vor. Wer angesichts dieser Entwicklungen das Arzneimittelbudget
abschaffe, handele unverantwortlich, wenn nicht gleichzeitig neue
wirksame Steuerungsinstrumente etabliert würden.
    
    Anhang: Beispiele für Wirtschaftlichkeitsreserven
    
    Ein Beispiel ist das umsatzstärkste Herz-Kreislauf-Mittel Norvasc,
ein Calcium-Antagonist mit dem Wirkstoff Amlodipin. Dieses Präparat
verzeichnete im ersten Quartal 2001 im AOK-Markt einen Umsatzzuwachs
von 12,0 %. Es kostet in der Therapie pro Tag durchschnittlich 1,44
DM. Ein pharmakologisch-therapeutisch vergleichbarer Wirkstoff steht
laut Arzneiverordnungs-Report mit Nitrendipin zu Tagestherapiekosten
von 0,22 DM zur Verfügung. Der Einsatz von Nitrendipin führt also zu
einem Einsparvolumen, je nach Preis des eingesetzten Generikums, von
bis zu 85% in der Tagestherapie. Norvasc hatte im ersten Quartal 2001
im AOK-Markt einen Umsatz von 52,1 Mio. DM. Dies entspricht
hochgerechnet auf die Gesetzliche Krankenversicherung einem
Umsatzvolumen von rd. 120 Mio. DM. Hier hätte folglich ein
Einsparbetrag von bis zu 100 Mio. DM realisiert werden können.
    
    Ein weiteres Beispiel ist das umsatzstärkste Magen-Darm-Mittel im
AOK-Markt Pantozol mit dem Wirkstoff Pantoprazol. Dieses Präparat
verzeichnete im ersten Quartal 2001 im AOK-Markt einen Umsatzzuwachs
von 25,1% auf 24 Mio. DM. Die durchschnittlichen Tagestherapiekosten
betrugen 5,56 DM. Eine gleichwertige Therapie kann gemäß
Arzneiverordnungs-Report mit einem Generikum des Wirkstoffs Omeprazol
sichergestellt werden. Ein solches Generikum ist zu
Tagestherapiekosten von 2,85 DM verfügbar. Die Substitution würde
hier je nach eingesetztem Generikum zu einem Einsparvolumen in der
durchschnittlichen Tagestherapie von bis zu 50% führen. Pantozol
hatte im ersten Quartal 2001 im AOK-Markt einen Umsatz von 23,9 Mio.
DM. Hochgerechnet auf die Gesetzliche Krankenversicherung wäre dies
ein Volumen von rd. 55 Mio. DM. Bis zur Hälfte dieses Umsatzes hätte
hier eingespart werden können.
    
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