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Weser-Kurier: Über den Disney-Boykott deutscher Kinos schreibt Hendrik Werner:

Bremen (ots) - Es ist kein Kampf auf Augenhöhe, den knapp 700 deutsche Provinzkinos - darunter etliche aus Norddeutschland - seit gestern ausfechten. Eher gemahnt ihr Boykott des vom Disney-Konzern verliehenen Blockbusters "Avengers: Age of Ultron" an trotzige Verzweiflung. Wohlwollender gesprochen: Die konzertierte Aktion der ländlichen Kinobetreiber, einem Film die Aufführung zu verweigern, erinnert vage an eine Variante des biblischen David-gegen-Goliath-Stoffes. Mit dem gewichtigen Unterschied, dass die mittelständischen Cineasten aus Diepholz und anderswo (David) das riesige Medienunternehmen Disney (Goliath) selbst dann nicht niederringen könnten, wenn ihnen Steinschleudern zur Verfügung stünden. Ihr Protest gegen das ihrer Meinung nach überzogene Preisdiktat des Verleihers ist rein symbolischer Natur - und wird weder an der Gutsherrenart des Unterhaltungskonzerns etwas ändern noch am schleichenden Kinosterben in der Fläche, das längst dramatische Züge angenommen hat. Ungeachtet dessen ist es wichtig und richtig, dass die Kinobetreiber öffentlichkeitswirksam auf ihre monetäre Malaise aufmerksam machen. Die existenzbedrohliche Krise ist freilich nicht nur den hohen Filmmieten geschuldet, mit denen der aktuelle Disney-Boykott gerechtfertigt wird, sondern einem tiefgreifenden Branchenstrukturwandel. Damit ländliche Lichtspielhäuser die Kosten für die unabdingbare Umrüstung auf digitale Technik wieder einspielen können, brauchen sie naturgemäß mehr Zeit als Kinos im urbanen Raum. Der seit Jahresbeginn obligatorische Mindestlohn ist ein weiterer finanzieller Faktor, der sich zumal bei kleinen Kultur-Unternehmen zu einem veritablen Schlag ins Kontor auswachsen kann. Den Boykotteuren ist zu wünschen, dass sie sich mit der "Avengers"-Aussperrung keinen Bärendienst erweisen. Falls der Disney-Konzern ein Gespür für Märchen hat, setzt er auf Kulanz statt Schröpfen.

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