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Weser-Kurier: Über die Bremer Bürgerschaft schreibt Moritz Döbler:

Bremen (ots) - Es geht um 130 Stühle und damit weder um viel Geld noch um politisch Bedeutsames. Das könnte man jedenfalls meinen. Die Volksvertreter sollen ordentlich sitzen, ganz einfach ist ihre Aufgabe schließlich nicht. Zur politischen Herausforderung muss nicht auch noch eine ergonomische kommen. Und was ist eine viertel Million Euro im Vergleich zu den mehr als 20 Milliarden Euro, mit denen das Land Bremen verschuldet ist? Wenn die roten Eames-Stühle Jahre, gar Jahrzehnte überstünden, könnten sie sich sogar unterm Strich rechnen. Aber so funktioniert Politik eben nicht, und das hätten die Abgeordneten eigentlich wissen müssen. Nicht nur im gerade startenden Wahlkampf geht es doch so oft um überzeugende Bilder, Symbole, Gesten. Was sich die Parlamentarier mit ihrem Wunsch nach neuen, schicken Stühlen erlaubt haben, ist sicher kein Skandal. Aber wie sie mit der Kritik daran umgehen, lässt tief blicken: eiligst vertagen und delegieren. Selbst wenn die alten Stühle am Ende nicht ersetzt, sondern aufgepolstert werden sollten, bliebe etwas hängen. Denn es fehlte am Anfang an Demut gegenüber den Wählern, denen die teuren Alusessel wie ein Beleg für die Dekadenz des politischen Betriebs vorkommen müssen. Das gibt es immer wieder, man denke nur an Gerhard Schröders Brioni-Anzüge. Jetzt, und das ist fast noch schlimmer, gesellte sich in Bremen Angst vor den Wählern dazu, die in drei Monaten ihre Kreuze machen. Wie sonst lässt sich erklären, dass niemand die geplante Anschaffung erklärt, begründet, verteidigt? Die Abgeordneten lassen so den Eindruck zu, man habe sie ertappt. Das allerdings lässt für den Bremer Wahlkampf wenig Gutes erwarten. Wenn schon bei diesem eigentlich doch nachrangigen Thema nicht einmal der Versuch unternommen wird, ordentlich und gewissenhaft zu argumentieren, wie soll das bei wirklich drängenden Fragen werden?

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