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Weser-Kurier: Kommentar von Joerg Helge Wagner zum Krieg in Nahost

Bremen (ots) - Im ersten Weltkrieg, der heute vor 100 Jahren mit dem Einmarsch des deutschen Heeres in Luxemburg begann, war das noch möglich: eine befristete Waffenruhe, um wenigstens die Toten zu bergen, bevor das mörderische Schlachten weiterging. Es war ein letztes Restchen europäischer Zivilisiertheit, dem sich alle Kriegsparteien verpflichtet fühlten, so erbittert und erbarmungslos sie sich auch bekämpften. Dieser Minimalkonsens ging schon 30 Jahre später im Weltanschauungskrieg verloren: Der Feind war nicht mehr ebenbürtig - folglich galt es nicht mehr, ihn zu besiegen, sondern ihn zu vernichten. "Totaler Krieg" heißt vor allem eines: totaler Verzicht auf allgemeingültige Regeln. Für sogenannte asymmetrische Konflikte wie in Vietnam, Afghanistan, Syrien oder jetzt in Gaza gilt dies auch. Die materiell unterlegene Seite sieht in der bewussten Verletzung internationaler Standards die Möglichkeit, eine Art perverse Chancengleichheit herzustellen. Dann werden eben auch Waffen in Schulen gelagert, aus Wohngebieten heraus andere Wohngebiete beschossen, gefangene Soldaten in Geiselhaft genommen. Die materiell überlegene Seite reagiert nicht mit den gleichen Mitteln, setzt dann aber ihre Feuer- und Vernichtungskraft zunehmend bedenkenlos ein. Das Ergebnis ist immer das gleiche: unverhältnismäßig viele zivile Opfer, gesteigerter Hass und weiter sinkende Chancen auf irgendeine Verständigung. In Gaza reicht es jetzt nicht einmal mehr dazu, 72 Stunden lang Leichen zu bergen und die Zivilbevölkerung mit dem Notwendigsten zu versorgen. Die völlig einseitigen Schuldzuweisungen der UN helfen da ebenso wenig wie die Friedensappelle von Papst Franziskus oder Bundesaußenminister Steinmeier. Auch die gemeinsamen Friedens- und Toleranzbekundungen von wohlmeinenden Christen, Juden und Muslimen werden verpuffen, denn in Gaza tobt ja gar kein Religionskrieg: Die Hamas will den Staat Israel auslöschen, nicht aber alle Juden - und Israel will die Hamas militärisch vernichten, nicht aber möglichst viele Muslime töten. Dieser Krieg wird erst enden, wenn die Hamas ihre letzte Rakete verschossen hat und sich ihr letzter Kommandeur ergibt oder umbringt. Israel wird die Ruinen von Gaza aber weder dauerhaft besetzen noch gar verwalten und wiederaufbauen wollen. Es gibt also zwei Perspektiven: Demilitarisierung und Wiederaufbau unter jahrelanger robuster internationaler Vormundschaft - wie im Kosovo. Oder vorübergehende Anarchie mit am Ende neuen, aber völlig unberechenbaren Machtstrukturen bei weitgehender Verelendung - wie in Somalia.

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