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Börsen-Zeitung: Anfang vom Ende, Marktkommentar zu Bitcoins von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots) - Es ist schwierig, sich für das, was bei der Bitcoin-Börse Mt. Gox passiert ist, eine Parallele in der realen Welt vorzustellen. Am ehesten wäre wohl eine Situation vergleichbar, in der die beiden Deutsche-Bank-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain vor die Presse treten und erklären, aufgrund eines Hackerangriffs seien bedauerlicherweise sämtliche Kunden-Assets verloren, woran man leider nichts ändern könne und weshalb man für die Bank Konkurs anmelden müsse. Was dann nicht nur im deutschen Bankensystem passieren würde, lässt sich leicht ausmalen. Ein Sturm auf die Banken wäre sicherlich eine Konsequenz, und es würde wohl auch zu einer neuen Finanzkrise kommen.

Einen vergleichbaren Bitcoin-Vertrauensverlust hat es trotz der Mt.-Gox-Pleite nicht gegeben, obwohl über den Marktplatz nicht weniger als vier Fünftel des gesamten Bitcoin-Handelsvolumens liefen. Im Gegenteil: Die Verluste des Bitcoin gegenüber dem Dollar waren im Dezember und im Januar deutlich ausgeprägter, als sie es seit Bekanntwerden der Schieflage bei Mt. Gox waren. Mit einem Bitcoin-Kurs von aktuell 562 Dollar sehen die Benutzer offensichtlich immer noch einen hohen Wert in ihrer virtuellen Währung. Damit kann man fast schon sagen, dass Bitcoin krisenfester ist als beispielsweise der argentinische Peso.

Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Der Peso ist eine richtige Währung, auf deren Stabilität die Bürger eines Landes hinsichtlich ihrer ökonomischen Existenz angewiesen sind. Wenn eine solche Währung ihre Stabilität oder gar ihre Grundlage verliert, sind die Wirtschaftssubjekte gezwungen, schleunigst auf eine andere, stabilere Währung auszuweichen, um wirtschaftlich zu überleben. Der Bitcoin hingegen ist hingegen für viele Inhaber so etwas wie ein Hobby, von dem ihre wirtschaftliche Existenz nicht abhängt. Der Charakter einer Hobby-Währung ist letztlich auch der Grund dafür gewesen, weshalb sich das Geschehen bislang unterhalb des Radars der internationalen Finanzaufseher und Notenbanken abspielen konnte.

Seit Bitcoin allerdings immer mehr Benutzer auch mit kurzfristigen spekulativen Interessen anzieht, ist die Währung zu einem Problem geworden. Bitcoin ist jedenfalls dem Ansturm, den es bereits gegeben hat, nicht gewachsen. Das System ist so angelegt, dass ein stetiges Anwachsen der Geldmenge, so wie es Zentralbanken bei richtigem Geld handhaben, nicht möglich ist. Die Geldmenge wächst lediglich degressiv und bei rund 21 Mill. Bitcoin ist sogar gänzlich Schluss mit dem Geldmengenwachstum. Nimmt die Nachfrage nach Bitcoin immer mehr zu, muss also der Wert des Bitcoins - so wie es bereits geschehen ist - stark steigen, weil sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nicht proportional steigern lässt. Das wiederum wird unweigerlich dazu führen, dass Güter und Dienstleistungen in Bitcoin gerechnet immer weniger wert sind. Bitcoin hat also, wie die Europäische Zentralbank bereits im Oktober 2012 in einer Studie herausgearbeitet hat, eine verhängnisvolle deflationäre Spirale ins System einbaut.

Es ist daher höchste Zeit, dass sich die internationalen Notenbanken und Regulatoren des Themas annehmen. Neben den beschriebenen Systemmängeln gibt es noch weitere schwerwiegende Probleme, die dafür sorgen, dass aus dem harmlosen Hobby längst ein gefährlicher grauer Kapitalmarkt geworden ist, auf dem es zugeht wie im Wilden Westen: Angezogen worden sind nicht nur Spekulanten, sondern auch Kriminelle, die die gravierenden Sicherheitsmängel der Bitcoin-Marktplätze ausnutzen. Mt. Gox ist kein Einzelfall. Es hat vorher bereits Zusammenbrüche von Bitcoin-Börsen und auch Diebstähle der virtuellen Währung gegeben.

Auch wenn derzeit bekannte US-Venture-Capital-Experten wie Marc Andreessen, der in das Bitcoin-Start-up-Unternehmen Coinbase investiert hat, noch glauben, dass Mt. Gox die große Ausnahme ist und dass Bitcoin eine vielversprechende Zukunft hat: Den internationalen Finanzaufsichtsbehörden und den Notenbanken wird nichts anderes übrigbleiben, als Bitcoin umfassend zu regulieren. Dabei wird es nicht ausreichen, streng beaufsichtigte Marktplätze zu schaffen. Es wird Änderungen am System geben müssen, und es wird aus Gründen des Verbraucherschutzes auch der Zugang zu der virtuellen Währung eingeschränkt werden müssen. Dies alles wird Bitcoin letztlich die Attraktivität als unreguliertes Asset mit großen kurzfristigen Gewinnchancen nehmen. Der Mt.-Gox-Zusammenbruch könnte auch für Bitcoin der Anfang vom Ende sein.

(Börsen-Zeitung, 1.3.2014)

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