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Börsen-Zeitung: Risiken für die Bundesanleihe
Kommentar von Christopher Kalbhenn zu den Renditeaussichten für die bisher als sicherer Hafen für anlagebedürftiges Kapital geltenden deutschen Staatstitel

Frankfurt (ots) - Wer sein Portfolio reichlich mit Bundesanleihen bestückt hat, ist in den zurückliegenden Monaten gut gefahren. Denn die Schuldtitel des deutschen Staates, nach wie vor die unangefochtene Benchmark Europas, stellen in der Schuldenkrise, die den Kontinent derzeit in Atem hält, ihre Qualität als sicherer Hafen für anlagebedürftiges Kapital eindrucksvoll unter Beweis. Durch die Flucht der Investoren in Sicherheit haben die Halter von Bundesanleihen ansprechende Anlageerträge erzielt und Einbußen bei Staatspapieren aus der Peripherie des Euroraums zumindest teilweise kompensieren können. Die Renditen für Neuanleger sind dadurch auf bisher noch nicht gesehene Tiefen gefallen. In der zehnjährigen Laufzeit liegt die Verzinsung deutlich unter 3%, bei der jüngsten Auktion im zweijährigen Bereich kam mit 0,5% der niedrigste jemals auf eine Bundesanleihe gedruckte Kupon heraus.

"In unseren Portfolios sind keine europäischen Staatstitel außer deutschen Staatsanleihen und einigen kurzlaufenden französischen Anleihen enthalten." Besser als mit dieser Äußerung der angesehenen französischen Vermögensverwaltung Carmignac lässt sich das uneingeschränkte Vertrauen, das der Bund als Schuldner genießt, kaum illustrieren. Aber auch das Umfeld spielt der Bundesanleihe derzeit in die Hände und wird dies auch in nächster Zeit tun. Denn die Schuldenkrise wird weiterhin für Verunsicherung unter den Marktteilnehmern sorgen und somit die Nachfrage nach als sicher geltenden Anlageformen auf hohem Niveau halten. Gleichzeitig werden die verschärften Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen das Wachstum hemmen und damit die Inflationsrisiken gering halten. Zudem rückt die geldpolitische Wende Eurolands in noch weitere Ferne, sodass das Niedrigzinsumfeld erhalten bleibt, nach Meinung von einigen Experten bis Ende 2011.

Mittel- bis langfristig überwiegen bei den mittlerweile anspruchsvoll bewerteten Bundesanleihen jedoch die Risiken. So wird die Safe-Haven-Nachfrage deutlich zurückgehen, sobald die von der Schuldenkrise ausgehende Verunsicherung der Marktteilnehmer wieder abebbt - ein Faktor, der allein schon die Anleihenotierungen unter Druck setzen bzw. die Renditen anschieben wird. Darüber hinaus ist die Leitzinswende lediglich aufgeschoben worden, keineswegs jedoch aufgehoben. Sobald die Europäische Zentralbank (EZB) das Herannahen der ersten Leitzinserhöhung andeutet, wird die gesamte Zinskurve des Bundes den Marsch nach oben antreten. Möglicherweise muss gar nicht bis dahin gewartet werden. Die Renditen könnten auch im Sog der US-Staatsanleihen anziehen, wenn die amerikanische Notenbank wie erwartet bereits deutlich früher als die EZB ein erstes Mal an der Zinsschraube dreht.

Zusätzliche Risiken gehen von den strukturellen Veränderungen, die die Währungsunion derzeit erfährt, aus. Sie könnten ebenfalls einen erhöhenden Effekt auf die Bundesanleihen-Renditen haben. Der EU-Rettungsschirm bzw. die damit verbundene Garantie für Schuldtitel finanzschwacher Euro-Staaten werden Folgen für das europäische Zinsgefüge haben. Ihr Ausmaß wird davon abhängen, ob es bei der derzeitigen Laufzeit des Schirms von drei Jahren bleibt oder eine Verlängerung notwendig wird, weil sich die Finanznöte weiter verschärfen und/oder der Druck der Finanzmärkte keine andere Wahl lässt.

Die Risikoaufschläge von Staatsanleihen der Eurozonen-Peripherie gegenüber den Schuldtiteln des Bundes werden durch den Schirm spürbar sinken. Denn es wird sich lohnen, zehnjährige Anleihen eines südeuropäischen Landes mit einer Rendite von 4,5% zu erwerben, wenn das Risiko nicht mehr höher ist als bei laufzeitgleichen Bundesanleihen, die nur 3% bieten. Eine Renditeannäherung wird unvermeidlich. Das wird zwar am Benchmark-Status der Bundesanleihe in Europa ebenso wenig rütteln können wie an dem hervorragenden Standing des Bundes als Schuldner. Der Bund muss auch keine gravierenden Platzierungsschwierigkeiten befürchten. Zu erwarten ist jedoch eine Nachfrageverschiebung zugunsten anderer Euro-Staatsanleihen, mit tendenziell renditeerhöhenden Auswirkungen auf die Bundestitel.

Damit würde dem Bund nicht erspart bleiben, bei seiner Kapitalaufnahme am Markt etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Selbst bei einer relativ geringfügigen Renditeerhöhung kämen erkleckliche Zusatzkosten zustande. Würde der vom Rettungsschirm ausgehende Erhöhungseffekt auf die vom Bund bei den Platzierungsauktionen zu bietenden Renditen z.B. 0,3 Prozentpunkte betragen, würden allein die für dieses Jahr geplanten Anleiheemissionen von 207 Mrd. Euro die Zinslast um mehr als eine halbe Mrd. Euro pro Jahr erhöhen. Das allein ist kein Betrag, der Deutschland in schwere Finanznöte stürzen würde. Allerdings sind die Staatsfinanzen auch hierzulande sehr angespannt und der Konsolidierungsbedarf ist entsprechend hoch. Auch aus diesem Grunde ist im Sinne der Steuerzahler zu hoffen, dass sich der Rettungsschirm nicht als permanente Einrichtung erweisen wird.

(Börsen-Zeitung, 20.5.2010)

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