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Börsen-Zeitung: Emerging Markets geben Gas, Kommentar von Christopher Kalbhenn

    Frankfurt (ots) - Die Turbulenzen um die Verschuldungsprobleme der staatlichen Dubai World haben zu einer erstaunlichen Marktreaktion geführt. Obwohl das Emirat zu den Schwellenländern zählt, sind ausgerechnet die Emerging Markets, die sonst auf solche Ereignisse sehr empfindlich reagieren, schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen. Nicht nur das: Die Aktienmärkte der aufstrebenden Volkswirtschaften geben geradezu Vollgas. Ihr Sammelindex MSCI Emerging Market hat sogar fast die Schwelle von 1000 Zählern und mit einem Gewinn von rund 5% in der gerade beendeten Woche den höchsten Stand seit August 2008 erreicht. Seit dem Jahresanfang hat der Index einen weit überdurchschnittlichen Wertzuwachs von 75% erzielt.

    Positive Nachrichten zuhauf

    Erstaunlich ist diese Entwicklung jedoch nur auf den ersten Blick bzw. aufgrund historischer Erfahrungen. Die Schwellenländer strotzen nur so vor guten Nachrichten. Das gilt im Übrigen gerade für die den Golf unmittelbar umgebenden Regionen. Gleich in der Nachbarschaft ist mit dem Libanon ein nicht unbedingt als sehr stabil zu bezeichnender Emittent zu finden, der in der abgelaufenen Woche ohne viel Federlesens 500 Mill. Dollar an den internationalen Kapitalmärkten aufnehmen konnte, die Hälfte davon sogar in der langen Laufzeit von 15 Jahren. Indien legte Bruttoinlandsproduktzahlen vor, die mit einem annualisierten Wachstum im dritten Quartal von 7,9% die Erwartungen bei Weitem übertrafen. Die Bonitätsnote der Türkei wurde von Fitch um gleich zwei Stufen auf "BB+" angehoben. Damit fehlt dem Land, das vor nicht allzu langer Zeit noch als eines der großen Problemkinder der Emerging Markets galt, nur noch ein Schritt zum Investment-Grade-Bereich.

    Von einer Kursrakete zu sprechen, ist im Zusammenhang mit den Schwellenländern sicherlich nicht übertrieben. Nicht nur Aktien, auch die Währungen und die Anleihen der aufstrebenden Nationen ziehen derzeit kräftig an. Getrieben werden sie durch massive Zuflüsse von Investoren aus den Industrienationen, die sich in das überlegene Wachstum und die erwarteten höheren Anlageerträge der Schwellenländer einkaufen. Sie können sich dafür billig im Dollar verschulden und sich dabei auch noch relativ sicher fühlen, weil die US-Notenbank deutlich signalisiert hat, dass der Leitzins noch eine ganze Weile in der Nähe von 0% verharren wird. Zusätzlich angefacht wird die Begeisterung durch sehr optimistische Prognosen von Anlagestrategen. So glaubt Goldman Sachs, dass asiatische Aktienmärkte im nächsten Jahr Anlageerträge von bis zu 50% abwerfen werden. Morgan Stanley traut den Schwellenländer-Aktien insgesamt 20% zu.

    Bemerkenswerterweise hält sich die Begeisterung für die Hausse in den Emerging Markets selber eher in Grenzen. Vielmehr wird die spekulative Flut, die sich über die Schwellenländer ergießt, dort als Risiko angesehen. Die globale Geldflut treibt Aktien, Währungen, Anleihen und Immobilienpreise auf Höhen, die einen heftigen Rückschlag befürchten lassen.

    Während Goldman Sachs für Indien einen Anstieg des Hauptindex im nächsten Jahr um weitere 24% prognostiziert, äußerten indische Asset Manager am Freitag auf einer Konferenz in Mumbai Bedenken. Der bevorstehende Entzug der Liquidität aus dem System drohe zu einer Korrektur am indischen Aktienmarkt zu führen. Die Wirtschaftspolitik werde im nächsten Jahr tonnenweise Fehler begehen. Entweder werden die Ankurbelungsmaßnahmen zu früh oder zu spät beendet. Durch die starken Kurssteigerungen des laufenden Jahres sei das kurzfristige Aufwärtspotenzial für indische Aktien nun begrenzt.

    Drohende Korrektur

    Dass die Schwellenländer im Vergleich zu den Industrieländern deutlich stärker wachsen und dies voraussichtlich auch in den nächsten Jahren tun werden, ist unbestritten. Der Höhenflug ihrer Märkte hat jedoch damit zunächst wenig zu tun. Er ist weitgehend auf die immensen Zuflüsse zurückzuführen, gegen die Schwellenländer-Regierungen nun sogar mit Kapitalverkehrs-Beschränkungen vorgehen. Falls sich die Stimmung in den Industrienationen eintrübt, werden massive Kapitalabzüge zu einer empfindlichen Korrektur an den Schwellenländern führen und auf ihre langfristig überlegenen Wachstumsaussichten keine Rücksicht nehmen.

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