Deutscher Naturschutzring

Europaweiter Widerstand gegen Atomkraftwerk Temelin
Umweltverbände fordern Bundesregierung zum Handeln auf

    Bonn (ots) - Der Deutsche Naturschutzring (DNR) forderte heute in
Berlin zusammen mit dem BUND, BBU, den Südböhmischen Müttern gegen
Atomgefahr und der Oberösterreichischen Plattform gegen Atomgefahr
den sofortigen Teststopp des AKW Temelin in Tschechien. "Das
gefährliche Milliardengrab Temelin muß unter allen Umständen
zugeschüttet werden", sagte DNR-Präsidialmitglied Hubert Weinzierl.
    
    Die deutsche Bundesregierung hat die Einhaltung des
deutsch-tschechischen Umweltabkommens sicherzustellen und ein
atomrechtliches Genehmigungsverfahren, sowie eine umfassende
Umweltverträglichkeitsprüfung mit ausreichender
Öffentlichkeitsbeteiligung unter Einbeziehung der Nachbarstaaten
Deutschland und Österreich durchzusetzen, verlangte der DNR.
    
    Dringend zu klären ist, wer im Katastrophenfall die
Schadenshaftung zu übernehmen hat. Vertreter des BUND haben dem
tschechischen Botschafter eine Petition übergeben, in der ein
Teststop und ein öffentliches Genehmigungsverfahren gefordert werden.
    
    Das Atomkraftwerk Temelin gilt neben den geplanten Atomkraftwerken
Khmelnnitzky 2 und Rowno 4 in der Ukraine als besonders gefährlich.
    
    In Tschechien reicht der Protest gegen die geplante Inbetriebnahme
des Atomkraftwerks Temelin von den Südböhmischen Müttern bis zum
Staatspräsidenten Vaclav Havel, sagte Dana Kuchtova, Vorsitzende der
Südböhmischen Mütter gegen Atomgefahr Budweis. Der Sprecher der
Oberösterreichischen Plattform gegen Atomgefahren, Josef Pühringer
kündigte an, den EU-Beitritt Tschechiens wegen Temelin aufzuhalten.
Im Bayerischen Wald und dem Landkreis Passau finden sich fast
wöchentlich Tausende zu Protestkundgebungen an den Grenzübergängen
von Waidhaus bis Philippsreut ein.
    
    Ein SuperGAU in Temelin hätte tausende von "Soforttoten" und
hunderttausende sog. "Langzeittoter" zur Folge. Große Flächen
zwischen Prag, Wien und München wären für Jahrzehnte oder
Jahrhunderte nicht bewohnbar. Diese Schäden sind nirgends versichert,
beklagte Ludwig Trautmann-Popp vom Bund Naturschutz in Bayern.
Temelin verstößt nicht nur gegen die Sicherheitsregeln, wie sie z.B.
für den Bau deutscher Atomkraftwerke verpflichtend sind, es
widerspricht auch den Wettbewerbsregeln im liberalisierten
Strommarkt.
    
    Gefährlicher Technologiemix
    
    In Temelin (Südböhmen), 60 km hinter der bayerischen Grenze,
beginnt das Experiment, ob sowjetische Reaktortechnik mit
amerikanischen Brennelementen und amerikanischer Steuerungstechnik in
Einklang zu bringen ist. Schon bei den ersten Testversuchen im
Oktober 2000 sind schwerwiegende Pannen aufgetreten. Die russische
Hardware reagiert nicht auf amerikanische Software.
    
    Was den sowjetisch-amerikanischen Technologiemix betrifft, hüllt
sich der tschechische Strommonopolist CEZ, der Temelin erbaut, in
konsequentes Schweigen. Während der langen Bauzeit hat es eine Fülle
von Unfällen, Wasser im Gebäude, verrosteten Schweißnähten und falsch
auf die Baustelle gelieferten Uranbrennelementen gegeben. Auch bei
den ersten Inbetriebnahmearbeiten traten Störfälle mit Ventilen und
Steuerstäben auf. Während der Testläufe fielen Ende Oktober alle 4
Hauptpumpen im Primärkreislauf aus. Dies erforderte eine
Schnellabschaltung der Tests per Hand, da die Automatik bei niedriger
Leistung abgeschaltet ist. Von CEZ und Aufsichtsbehörde wurde dies
als "keine ernste Angelegenheit" heruntergespielt. Ähnliche
Niedrigleistungstests haben die Katastrophe von Tschernobyl
ausgelöst!
    
    Sicherheitsmängel gravierend
    
    Seit 1982 sind in Temelin zwei Reaktoren mit einer Nettoleistung
von je 920 MW im Bau. Seit der Wende wird der sowjetische Reaktortyp
von der US-Firma Westinghouse nachgerüstet. Inzwischen ist diese aus
dem Atomgeschäft ausgestiegen und wird durch die britische
Skandalfirma BNFL in Temelin ersetzt. Derzeit laufen physikalische
Tests zum bevorstehenden Probelauf.
    
    Das AKW Temelin war 1991 etwa baugleich mit dem Atomkraftwerk
Stendal in Sachsen-Anhalt begonnen worden. Umweltminister Töpfer ließ
die Baustelle Stendal stilllegen, weil es keine Chance gab, das
Kraftwerk  nach deutschem Atomrecht zu genehmigen. In Tschechien aber
wurde weitergebaut, obwohl klar war, dass der Strom aus Temelin für
die Stromversorgung Tschechiens nicht erforderlich ist.
    
    Das Containment des Temelin-Reaktors ist viel schwächer als das
deutscher Reaktoren, so dass es auch mittlere Flugzeugabstürze nicht
aushält. Nach Angaben der CEZ gibt das AKW Temelin schon im
Normalbetrieb große Mengen radioaktiver Stoffe an die Umgebung ab, je
nach Nuklid das 100 bis 1000-fache vergleichbarer deutscher
Reaktoren.
    
    Bei einer Pressefahrt des Bund Naturschutz im September 1999
antwortete der Bauleiter auf kritische Fragen (ZDF): "Probleme in
diesem Werk? Die haben wir nicht. In Temelin gibt es eine
Sicherheitshülle und die reicht aus. Es kann nichts passieren. Wir
haben die Sicherheitsphilosophie von den Russen übernommen, und die
ist im Grunde gut. Ein zweites Tschernobyl gibt es nicht." Diese zur
Schau getragene Ignoranz der Problematik ist noch gravierender als
die Sicherheitsmängel.
    
    Überflüssige Stromquelle
    
    Der Höhepunkt des Wahnsinns: Da Strom sowohl im westlichen als
auch im östlichen Ausland sehr viel billiger zur Verfügung steht als
aus dem neugebauten Atomkraftwerk Temelin, muss CEZ mit vielen
Hundertmillionen DM jährlich den Strom aus Temelin (je Reaktorblock
ca. 6 Mrd. kWh) soweit heruntersubventionieren, dass er im Ausland,
vorrangig in Deutschland verkauft werden kann.
    
    Bezogen auf die Kaufkraft der tschechischen Krone (Vergleich mit
Einkommen von Lehrern, Ingenieuren, Arbeitern etc.) bezahlt der
tschechische Privatkunde schon heute rund dreimal soviel für eine kWh
wie der Bundesbürger. Mit der Subventionierung des
Temelinexportstromes wird der Strompreis in Tschechien weiter massiv
steigen.
    
    Die EU (die sich ja sogar um das Stromeinspeisegesetz Gedanken
macht!) muss endlich klären ob es rechtens sein kann, dass billiger
und gefährlicher Strom aus Osteuropa hochsubventioniert in das
ohnehin von Überkapazitäten gezeichnete westeuropäische Stromnetz
importiert werden darf.
    
    Deutscher Kraftwerksüberschuss macht Importstrom unnötig
    
    Allein die deutschen Kraftwerksüberkapazitäten (d. h. die derzeit
stillliegenden, abgeschriebenen Kraftwerke) könnten auf Anforderung
über 300 Mrd. kWh Strom im Jahr zusätzlich zum deutschen
Stromverbrauch erzeugen. Auf die 6 Mrd. kWh aus Temelin können wir
daher leicht verzichten.
    
    E.on und VEAG, die über die großen Transportleitungen nach
Tschechien verfügen, sind aber an subventioniertem Strom
interessiert. E.on hat sogar Ambitionen, bei der bevorstehenden
Privatisierung von CEZ das ganze Unternehmen zu schlucken.
    
ots Originaltext: Deutscher Naturschutzring
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Nähere Informationen:
Helmut Röscheisen
DNR-Generalsekretär
Tel.: 0228/ 35 90 05

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