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Trotz gegenteiliger Entscheidung des VDA: Mindestens zwei deutsche Autohersteller arbeiten weiter an gefährlichem chemischen Kältemittel

Trotz gegenteiliger Entscheidung des VDA: Mindestens zwei deutsche Autohersteller arbeiten weiter an gefährlichem chemischen Kältemittel
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Berlin (ots)

Deutsche Umwelthilfe warnt vor einem erneuten Wortbruch der 
deutschen Automobilindustrie: Alle Autohersteller handelten der 
VDA-Ankündigung ihres Präsidenten Matthias Wissmann zuwider, der im 
Herbst 2007 ankündigte, dass "chemisches Kältemittel ... nicht weiter
als eine Alternative verfolgt" und in Zukunft "nur noch natürliche 
Kältemittel eingesetzt" werden - Gestrige Bekräftigung dieser 
Position durch den VDA wird offensichtlich von zwei deutschen 
Herstellern weiterhin nicht mitgetragen - Die von der Autoindustrie 
bislang favorisierte Chemikalie 1234yf für Autoklimaanlagen ist 
entzündbar und bildet im Brandfall extrem giftige Gase - Im Film 
festgehaltene DUH-Testreihe zeigt akute Gefahr für Fahrzeuginsassen 
und Helfer nach einem Unfall - VDA soll Unternehmen nennen, die den 
Verbandsbeschluss nicht mittragen - DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen 
Resch fordert von Autoherstellern selbst ein klares Bekenntnis, dass 
sie Neuwagen ab 2011 nur noch mit dem natürlichen Kältemittel CO2 
ausliefern
Berlin, 23. Oktober 2008: Einen so intensiven Kontakt mit der 
Automobilindustrie wie in den vergangenen Wochen hatte die Deutsche 
Umwelthilfe e. V. (DUH) noch nie: Nachdem die DUH den Verband der 
Automobilindustrie (VDA) über die alarmierenden Ergebnisse eigener 
Untersuchungen über die Brennbarkeit und Toxizität der bei der 
Verbrennung des chemischen Kältemittels 1234yf entstehenden 
Kontaktgifte vorab informierte, standen die Telefone nicht mehr 
still. Während anfangs seitens der Autokonzerne die Ergebnisse 
bezweifelt und auf die von den Herstellern der Chemikalie vorgelegten
Unbedenklichkeitsbescheinigungen verwiesen wurde, präsentierte die 
DUH mehreren Autoherstellern Anfang Oktober die Ergebnisse in einem 
Fachgespräch und kündigte an, einen Film über die Tests zu 
veröffentlichen. Plötzlich änderte sich die Position - zumindest von 
BMW, VW und Daimler: Offensichtlich kurzfristig durchgeführte eigene 
Tests bestätigten die von der DUH aufgedeckten Gefahren, man erklärte
über Pressemitteilungen des VDA an diesem Montag und Mittwoch 
eiligst, die offiziell seit einem Jahr bereits gestoppte Arbeit an 
chemischen Kältemitteln nun tatsächlich einzustellen. Diese Zusage 
gilt nach Recherchen der DUH allerdings nicht für die beiden 
VDA-Mitglieder Opel und Ford. Und eine weitere Reaktion erreichte die
DUH unmittelbar vor der öffentlichen Präsentation der Testergebnisse 
durch ein gestern Abend um 19.54 Uhr eingegangenes Schreiben des 
amerikanischen Chemiekonzerns Honeywell. Dieser droht der DUH 
Schadensersatzforderungen sowie weitere rechtliche Schritte an und 
besteht auf der Feststellung, das neue chemische Kältemittel sei 
weder toxisch noch gebe es Probleme mit der Entflammbarkeit.
Die Untersuchungsergebnisse der DUH ergeben hingegen ein anderes 
Bild: Das chemische Kältemittel 1234yf ist brennbar und setzt im 
Brandfall hochgiftige Flusssäure frei. Dies haben Versuche der (DUH) 
ergeben, die heute in Berlin vorgestellt wurden. 
DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch fordert die deutsche 
Automobilindustrie daher auf, "endlich Wort zu halten und den nunmehr
ein Jahr alten Versprechungen Taten folgen zu lassen." Glaubwürdig 
seien jedoch nicht die bislang aus dem Verband der Automobilindustrie
(VDA) vernommenen Beschwörungen, sondern einzig belastbare Fakten der
Automobilhersteller über den Einsatz des natürlichen Kältemittels CO2
für die Fahrzeugkühlung. "Die Autohersteller drücken sich davor, 
konkrete Angaben zu den Fahrzeugmodellen zu machen, die von ihnen ab 
2011 mit CO2-Kältetechnik ausgestattet werden. Wir haben die 
deutschen und internationalen Autohersteller in der vergangenen Woche
kontaktiert und alle Hersteller haben sich geweigert, konkrete 
Angaben zu machen. Die DUH akzeptiert nicht, dass sich die 
Autokonzerne hinter Erklärungen des VDA verschanzen. Wir möchten 
konkret wissen, bis wann das bisher verwandte klimaschädliche 
Kältemittel R134a durch CO2 ersetzt wird", sagte Resch "Die 
windelweichen Erklärungen aus dem VDA sollen Politik und 
Öffentlichkeit einwickeln und den Blick darauf verschleiern, dass 
zumindest Teile der Autoindustrie aus Kostengründen weiterhin auf 
eine umwelt- und gesundheitsschädigende Chemikalie setzt."
Am Montag dieser Woche (20.10.) hatte der Verband der 
Automobilindustrie (VDA) verkündet, dass eine Mehrzahl der 
Unternehmen die Untersuchungen zu den chemischen Kältemittel nunmehr 
abgeschlossen hätten und dieses "keine Option" mehr sei. Nach 
Recherchen der DUH arbeiten jedoch die deutschen Autohersteller und 
VDA-Mitglieder Opel und Ford weiter an der Verwendung von 1234yf. 
"Mit der Erklärung bestätigt der VDA, dass seine Mitglieder die 
letztjährige Verabschiedung von chemischen Kältemitteln nicht 
vollzogen haben. Das neuerliche, nun sogar auf eine "Mehrheit der 
Unternehmen" eingeschränkte Bekenntnis zu natürlichen Kältemitteln 
ist aber nicht hinnehmbar, wenn man an die Entscheidungen von 
VDA-Vorstand und dem VDA-Präsidenten Matthias Wissmann denkt. Es wird
Zeit, dass er seine Entscheidung aus dem Jahr 2007 bei allen 
VDA-Mitgliedern durchsetzt und sicherstellt, dass ab 2011 keine 
chemischen Kältemittel wie R 134a oder 1234yf zum Einsatz kommen".
Immerhin positive Signale zum natürlichen Kältemittel CO2 kommen 
von Daimler, BMW und der Volkswagen/Porsche-Gruppe. Bislang fehlen 
jedoch die Entscheidungen, in welchen Modellen diese Anlagen 
eingebaut werden. "Offensichtlich wird auf Zeit gespielt, man ist 
sich wohl sicher, den verbindlichen Einführungstermin 2011 
verschieben und damit viele hundert Millionen Investitionskosten 
aufschieben zu können", sagte Resch. "Das erste Kältemittel FCKW hat 
das Ozonloch verursacht, die zweite Chemikalie R134a den Klimawandel 
vorangetrieben - das reicht als Hypothek der Chemieindustrie", so 
Resch weiter. Er forderte die Autohersteller auf, ihrer Verantwortung
für Klima und Umwelt gerecht zu werden und die im VDA-Vorstand von 
den Spitzenmanagern der fünf größten deutschen Pkw-Hersteller im 
vergangenen Jahr persönlich getroffene Entscheidung für den Einsatz 
des natürlichen Kältemittels CO2 und den Stopp an der 
Entwicklungsarbeit an chemischen Alternativen nun wirklich 
umzusetzen.
Rechtzeitig zur sogenannten "Grünen IAA" im Herbst 2007 hatten 
Autoindustrie und VDA-Präsident Matthias Wissmann verkündet, auf das 
umweltfreundliche Kältemittel CO2 für Autoklimaanlagen zu setzen. 
Nach dem Motto "Wir haben verstanden!" beteuerte Wissmann nach einem 
Beschluss des VDA-Vorstands, nicht länger chemische Kältemittel als 
Ersatz für das ab 2011 verbotene und zur Zeit eingesetzte extrem 
klimaschädigende Kältemittel R134a zu suchen. In einer 
Pressemitteilung des VDA heißt es im September 2007 wörtlich: "Der 
Einsatz der bisher bekannten neuen chemischen Kältemittel wird nach 
gründlicher Untersuchung nicht weiter als eine Alternative verfolgt. 
Deutsche Hersteller und Zulieferer haben vereinbart, in Zukunft bei 
Klimaanlagen nur noch natürliche Kältemittel einzusetzen, die für die
Umwelt die geringste Belastung bedeuten und alle künftigen 
europäischen Grenzwerte deutlich unterbieten". Damit schiebe sich die
deutsche Autoindustrie auf diesem "ökologisch bedeutsamen Feld an die
Weltspitze". Er gehe davon aus, sagte Wissmann weiter, "dass zu 
Beginn des nächsten Jahrzehnts diese Klimaanlagen in der Großserie 
zum Einsatz kommen". Mit der neuerlichen Erklärung vom Montag rückt 
der VDA von dieser ein Jahr alten Ankündigung teilweise ab.
Um den Stichtag 1. Januar 2011 einhalten zu können, müssten die 
Autohersteller die technischen Voraussetzungen für die 
Serienproduktion von Autos mit CO2-Kühlung längst geschaffen haben. 
Das ist nach DUH-Recherchen jedoch nicht der Fall. In den 
verbleibenden zwei Jahren bis zum Verbot des Kältemittels R134a könne
die Produktion nur noch mit großen Anstrengungen auf die 
Serienproduktion umgestellt werden, sagte Resch. Obwohl es fünf vor 
zwölf sei für den Einsatz von CO2 als Kältemittel, hätten die 
deutschen Autokonzerne mit Hochdruck am Einsatz des chemischen 
Kältemittels 1234yf gearbeitet. "Wir trauen den pauschalen 
Pressemeldungen des VDA solange nicht mehr, bis wir belastbare 
Bestätigungen durch die deutschen Automobilhersteller haben - auf der
Basis konkret genannter Fahrzeuge die ab 2011 mit CO2-Kältetechnik 
ausgestattet sind".
Die Chemikalie 1234yf ist ein Produkt der US-Chemiekonzerne 
Honeywell und DuPont. Sie soll - geht es nach Chemie- und 
Autoindustrie - ab 2011 das Kältemittel R134a ersetzen. In der 
gesamten EU ist R134a ab dann für den Einsatz in Neufahrzeugen 
verboten, da es ein Treibhauspotenzial (GWP-Wert) von 1.300 hat: Das 
heißt, ein Gramm der Chemikalie schädigt das Klima 1.300-mal stärker 
als ein Gramm Kohlendioxid. Die einzig geprüfte serienreife umwelt- 
und klimafreundliche Alternative ist das natürliche Kältemittel 
Kohlendioxid - in diesem Zusammenhang auch R744 genannt. CO2 hat 
lediglich ein Treibhauspotenzial von Eins.
Die DUH hat eigene Untersuchungen mit dem chemischen Kältemittel 
1234yf durchgeführt und getestet: bei ca. 600 Grad Celsius 
Motorkrümmertemperatur und einem simulierten Unfall, bei dem der 
Kältemittelschlauch abreißt, entzündet sich 1234yf und brennt 
kontinuierlich mit großer Flamme. Überraschend für die Tester war, 
dass zusätzlich zu der Brennbarkeit des Kältemittels auch Flusssäure 
in lebensbedrohender Konzentration nachgewiesen wurde.
"Dies bedeutet nicht nur ein Rückschlag für Umwelt und 
Klimaschutz. Mit dem Einsatz von 1234yf kann sich die Autoindustrie 
billig aus der Verantwortung stehlen.", sagte Resch. "Der 
Chemiecocktail kann ohne größeren Umbau der Produktionsanlagen in die
auch jetzt verwendeten Klimaanlagen gefüllt werden. Die 
Autohersteller sparen kurzfristig hohe Summen, die Chemieindustrie 
verdient Milliarden an dieser Lösung."
Der Patentschutz des Kältemittels R134a läuft gerade aus und wird 
künftig in Asien für einen Bruchteil der Kosten des patentrechtlich 
geschützten neuen Chemikaliencocktails hergestellt werden. Damit sei 
zu befürchten, dass der Klimakiller R134 a auch zukünftig als 
kostengünstiges Nachfüll-Kältemittel weltweit zum Einsatz kommt, 
selbst wenn später die Erstbefüllung mit 1234yf erfolge. Die 
klimaschädlichen Gase würden weiter in die Atmosphäre gelangen, die 
Ziele der EU-Verordnung damit von der Autoindustrie ausgehebelt. Die 
Einführung des natürlichen Kältemittels CO2 hingegen erfordert eine 
neue Kältetechnik, die auch nur mit CO2 funktioniert. Sie vermeidet 
unnötige Emissionen und trage so zum Erreichen der Klimaschutzziele 
bei.
Ein Video über die durchgeführten Tests über die Brennbarkeit 
chemischer Kältemittel ist unter www.duh.de/klimaanlage_film.html 
einsehbar.
Wikipedia über Flusssäure:
Flusssäure ist ein starkes Kontaktgift. Die Gefährlichkeit wird 
dadurch noch erhöht, dass sie sofort von der Haut resorbiert wird. 
Dadurch ist eine Verätzung tieferer Gewebeschichten und sogar der 
Knochen möglich, ohne dass die Haut äußerlich sichtbar verletzt ist. 
Eine handtellergroße Verätzung wirkt bei 40 % Flusssäure bereits in 
aller Regel durch resorptive Giftwirkung tödlich. Besonders 
gefährlich hierbei ist, dass eine Schmerzwirkung (die warnend wirken 
würde) oft erst mit einer Verzögerung von mehreren Stunden auftritt. 
Flusssäure schädigt das Nervensystem. Schmerzstillende Mittel, selbst
Betäubungsmittel wie Morphin und Fentanyl, sind hierbei fast 
wirkungslos.

Pressekontakt:

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer, Hackescher Markt 4, 10178 Berlin
Mobil.: 0171 3649170, Fax: 030 2400 867 -19, E-Mail: resch@duh.de

Eva Lauer, Projektleiterin "Klimafreundliche Kühlung", Hackescher
Markt 4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400 867 -76, E-Mail: lauer@duh.de

Ulrike Fokken, Sprecherin Politik & Presse, Deutsche Umwelthilfe e.
V., Hackescher Markt 4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400867-22,
Mobil: 0151 55 01 70 09, E-Mail: fokken@duh.de

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