Schwäbische Zeitung

Schwäbische Zeitung: Anpfeifen - trotz aller Probleme - Leitartikel

Ravensburg (ots) - Brasilien steht seit der Vergabe, ganz besonders aber mit Beginn der Fußball-WM, im Fokus der Weltöffentlichkeit. Wie bei den meisten sportlichen Mega-Ereignissen wird schematisch nach Sinn und Zweck gefragt. Verkürzt: Darf sich ein Land mit großen sozialen Problemen zum Büttel des Kommerzes machen? Dabei wird auf Millionen-Investitionen verwiesen, die statt in Stadien besser in marode Schulen und schlechte Krankenhäuser gesteckt hätten werden müssen. Doch die WM ist für Kritik, Proteste und mögliche Unruhen lediglich der Auslöser, nicht deren Ursache.

Die wachsende Zivilgesellschaft in der größten Demokratie Lateinamerikas hat viele gute Gründe, auf die Straße zu gehen. Doch Vorsicht: Diese Gründe ähneln den deutschen Problemen. So wird die Regierungschefin wie Millionen andere von den USA abgehört, und das Land ringt darum, wie es auf diesen Skandal reagieren soll. Auch gibt es Fußball-Bosse, die es mit ihrer Steuerpflicht nicht so genau nehmen. Da sind öffentliche Prestigebauten, die nicht fertig werden, deren Kosten explodieren und bei deren Vergabe nicht alles mit rechten Dingen zuging.

Die Unternehmer beklagen sich über zu hohe Steuern und Abgaben. Die Sozialverbände hingegen kritisieren Armut und eine schlechte Sozialpolitik. Der Polizei wird mitunter unterstellt, auf dem rechten Auge blind zu sein. Die Nachbarstaaten fordern mehr Einsatz und Engagement aufgrund der wirtschaftlichen Kraft des Landes. Die Infrastruktur-Probleme werden nicht angepackt, sondern in die Zukunft geschoben. Die Schul- und Bildungspolitik gehört zu den umstrittensten Themen der Innenpolitik. Hohe Mieten und steigende Kriminalität in den Großstädten kommen noch hinzu. Das sind die Themen, die die Brasilianer umtreiben.

Es wäre vermessen anzunehmen, dass all diese Probleme durch eine Absage der WM hätten gelöst werden können. Die WM in Deutschland war 2006 ein großes Fest. Und das trotz der profitorientierten Fifa. Wünschen und gönnen wir Brasilien eine solche Party. Anpfeifen!

Pressekontakt:

Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

Original-Content von: Schwäbische Zeitung, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: Schwäbische Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren: